Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

kommission hielt es aber für notwendig, den Begriff des Saareinwohners, 
unabhängig von der Nationalität, eigens zu definieren. In der Verordnung 
wurde auch festgelegt, wer diese Einwohnerschaft erwerben könne und unter 
welchen Bedingungen. Sie entsprach fast ganz der gesetzlichen Regelung über 
eine Staatsangehörigkeit. Außerdem bildete sie die Grundlage für die spä¬ 
tere Regelung des Wahlrechtes70, durch das eingewanderte Franzosen, die 
die Saareinwohnerschaft erworben hatten, aktives Wahlrecht ausüben konn¬ 
ten, während das passive Wahlrecht allen nicht im Saargebiet geborenen 
Bewohnern genommen wurde, wodurch eine Reihe der führenden Partei¬ 
politiker von der Wählbarkeit zum Landesrat ausgeschlossen wurden. 
Die Politik der Regierungskommission unter der Führung Raults wurde von 
ihm selbst als getreue Ausgestaltung des Versailler Vertrages angesehen71. 
Seine psychologische Situation zwischen Völkerbund und Frankreich erhellt 
eine Äußerung Prious: 
Die politischen Parteien „ne doivent donc pas crier à l’impérialisme quand nous 
nous servons des clauses d’un Traité qui, pour le Bassin de la Sarre, ont été rendues 
les plus douces possibles et sont le résultat d’un esprit de bienveillance que l’on ne 
serait guère en état d’attendre d’un peuple dont le pays a été ravagé et qui est en 
mesure de dicter ses volontés“.72 
Auch Frankreich betrachtete den Versailler Vertrag als eine Kompromi߬ 
lösung und wollte wenigstens jene Möglichkeiten wahrnehmen, die es in 
diesem Vertragswerk für seine Interessen sah. Die französischen Unter¬ 
suchungen gelangten auch übereinstimmend zu der Auffassung, daß die 
Maßnahmen der Regierungskommission eine glückliche und objektive Reali¬ 
sierung des schwierigen und teilweise unklaren Saarstatuts bedeuteten und 
damit eine Bereicherung internationaler Rechtsschöpfungen gewonnen sei73. 
Die Maßnahmen der Regierungskommission dürfen deshalb nicht einfach als 
eine skrupellose Ausnützung der französischen Chancen gesehen werden, 
sondern Rault glaubte an die Möglichkeit einer Politik, in der die Interessen 
Frankreichs und des Völkerbundes identifiziert werden konnten, da der 
Versailler Vertrag mit Einschluß der Progressionsmöglichkeiten Frankreichs 
an der Saar für ihn schon ein Zugeständnis an die Ideen des Völkerbundes 
darstellte74. Diese Sicht versperrte indes Rault und vielen Franzosen eine 
70 Verordnung über die Errichtung des Landesrates (Absatz 1,3), Amtsblatt d. Reg.- 
Kom. d. Saargeb. 1922, Nr. 143. 
71 Vgl. oben Anm. 50 u. 51, S. 49. 
72 Priou, a. a. O., S. 175. 
73 So besonders Coursier, a. a. O., dessen Arbeit die Tätigkeit der Regierungskom¬ 
mission ausgesprochen unter juristischen Gesichtspunkten und wesentlich distanzierter 
von französischen politischen Interessen betrachtet als die Arbeiten von Priou, Re- 
vire oder Marvaud. 
74 Die Formel v. Hirsch, Die Saar von Genf, S. 11: „Die Saar unter dem französischen 
Imperialismus“ scheint uns für die Jahre 1920 bis Ende 1922 zu einseitig und noch 
in den Denkkategorien der damaligen Zeit gewonnen. Revire, a. a. O., S. 41 ff., gibt 
eine Beschreibung des politischen Denkens Raults und behauptet, Rault habe euro¬ 
päisch gedacht und sei von den Ideen des Völkerbundes erfüllt gewesen; er arbeitet 
deshalb in der Politik des Präsidenten besonders den Charakter der „demi-mesure“ 
heraus, z. B. in bezug auf die französischen Truppen. Vgl. auch über die verschiedene 
Beurteilung Raults Wambaugh, a. a. O., S. 78. 
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