Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Gleichzeitig versuchte man, kulturelle Bindungen zur West-Schweiz und zu 
Frankreich zu schaffen, indem die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen 
in diesen Gebieten begünstigt wurde59. In der Regierungskommission selbst 
erhoben sich bereits am Anfang große Bedenken, ob das zu realisieren sei; 
Graf Moltke-Huitfeldt machte ernste Einwände: 
„Les Sarrois n’accepteront pas, à son avis, d’entrer en relations avec d’autres Pays 
que l’Allemagne, même la Suisse, avant que ces facilités ne leur soient accordées 
pour le Reich.“ 60 
Trotzdem hielt man sich in den ersten Jahren an die Tendenz Raults und 
verbot auch die Teilnahme an Veranstaltungen unpolitischen Charakters. 
Schwierig zu lösen war von allem Anfang an die Frage einer übersaarländi- 
sdhen Bindung der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften an der Saar waren 
Teilglieder der entsprechenden gesamtdeutschen Organisationen, und ihre 
Finanzen waren von den Zentralverbänden abhängig. Außerdem sah der 
letzte Absatz des § 12 des Saarstatuts vor, daß „die Arbeiter und Ange¬ 
stellten französischer Staatsangehörigkeit“ „den französischen Gewerkschaf¬ 
ten“ angehören dürfen. Es war ausgesprochen schwierig für die Kommis¬ 
sion, dann festzustellen, daß die saarländischen Gewerkschaften die Mit¬ 
gliedschaft in deutschen Verbänden nicht behalten sollten. Priou war deshalb 
über die zukünftige Entwicklung der gewerkschaftlichen Organisationen an 
der Saar und ihre Verbindung zu Deutschland in Sorge61. Im Zusammen¬ 
hang mit der Lockerung der kulturellen Verbindung zu Deutsdiland gewann 
für das politische Leben an der Saar auch die Frage der Abhängigkeit von 
den Bistümern Trier und Speyer an Bedeutung. Die Regierungskommission 
wollte die saarländische Autonomie auch in der Ablösung von den deutschen 
Bistümern realisieren. Man dachte zumindest an die Schaffung einer aposto¬ 
lischen Vikarie62. Im Sinne der Raultschen Politik stellte sich auch die Frage, 
wer die Beamten für das Saargebiet auszubilden habe; die Franzosen erwo¬ 
gen den Gedanken der Errichtung einer saarländischen Universität63. Wäh¬ 
rend in der Frage der Lösung von den deutschen Bistümern verschiedene 
Schritte unternommen wurden, kam man in der Universitätsangelegenheit 
nicht über die Phase der französischen Wünsche hinaus. 
Ein weiterer wesentlicher Schritt zur Ausgestaltung eines unabhängigen Saar¬ 
gebietes war die Errichtung eines Obergerichtes in Saarlouis, wie es der § 25 
des Statuts für das Saargebiet vorsah. Die Saarländer hatten sich diesen 
Gerichtshof als höchste innersaarländische Berufungsinstanz mit vorwiegend 
deutschen Richtern besetzt vorgestellt, da der Vertrag die bisher geltende 
Rechtsordnung soweit wie möglich erhalten wollte. Rault aber berief den 
Schweizer Nippold zum Präsidenten des Gerichtshofes und betonte, daß er 
darauf bedacht gewesen sei, sich in dessen Person der Liilfe eines „hervor¬ 
59 2. B.: S.D.N. J.O. III,1 (1922), S. 47, Bericht über Ferienkurse von saarländischen 
Lehrern in Nancy und Boulogne/s. m.; vgl. auch unten S. 115 f. 
60 S.D.N. Com. d. Gouv. Pr.-V., Sitzung vom 9./10. 6. 1920, S. 121. 
61 Priou, a.a.O., S. 126, Anm. 2. 
62 Priou, a.a.O., S. 33; Revire, a.a.O., S. 31; Wambaugh, a.a.O., S. 83f.; 
ausführlicher über die Bistumsfrage unten S. 155 ff. 
63 Priou, a. a. O., S. 33. 
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