Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Rein äußerlich wurde die Selbständigkeit dokumentiert in der Schaffung 
einer eigenen saarländischen Flagge und eigener Postwertzeichen52. Dann 
wurden ganz konsequent alle deutschen Verwaltungseinflüsse beseitigt; die 
Oberpostdirektion und die Eisenbahndirektion wurden selbständige saar¬ 
ländische Institutionen53. Auch die Sozialversicherungseinrichtungen, z. B. 
die Knappschaftsvereine, sollten vollständig unabhängig werden. Man 
brachte finanzielle Opfer zur Verwirklichung dieser Autonomie54. Außer¬ 
dem war man darauf bedacht, in internationalen Verwaltungsgremien selb¬ 
ständig vertreten55 zu werden und hielt es fijr unmöglich, daß Deutschland 
die diplomatische Vertretung für die Saarbevölkerung im Ausland behielt. 
Diese Tendenzen zur Ablösung von allen deutschen Verwaltungsinstanzen, 
zum Ausbau eigener Verwaltungseinrichtungen und zur Anerkennung einer 
staatsrechtlichen Autonomie des Gebietes wurden auch von Bemühungen der 
Regierungskommission begleitet, die korporativen Verbindungen mit dem 
deutschen Vereinsleben und die Beziehungen zum deutschen Kultur- und 
Geistesleben zu verhindern oder zu hemmen. Das Beamtenstatut sah z. B. 
vor, daß keine Mitgliedschaft im deutschen Beamtenbund möglich56 sei; das 
galt auch für andere Institutionen wie z. B. die Lehrer- und Akademiker¬ 
verbände und ihre Zugehörigkeit zu umfassenderen deutschen Institu¬ 
tionen57. Die Teilnahme an deutschen Veranstaltungen verbot man58. 
à assurer cette autonomie du Bassin de la Sarre que le Traité de Paix avait prescrite“ ; 
die zukünftige Aufgabe sei weniger schwierig. Coursier, a. a. O-, S. 71—105, er¬ 
arbeitete besonders die rechtlichen Voraussetzungen und die Gründe, die für eine 
staatliche Individualität des Saargebietes sprachen, obwohl auch er dem Gebiet keinen 
eigentlichen Staatscharakter zuerkannte. Lambert, a. a. O., S. 107, bezeichnete das 
Streben nach Autonomie und Unabhängigkeit von Deutschland als ein „axiom“ der 
Raultschen Politik. 
52 S.D.N. J.O. 11,5/6 (1921), S. 629. 
53 S.D.N. J.O. 1,3 (1920), S. 105 f., S. 193 f., S. 282 f.; Deutsches Weißbuch, S. 83: Die 
Errichtung einer selbständigen Eisenbahnverwaltung für das Saargebiet wurde der 
Deutschen Reichsregierung durch die französische Botschaft in Berlin mitgeteilt. 
54 S.D.N. Com. d. Gouv. Sarre, Pr.-V., Sitzung vom 8. 6. 1921, S. 244—246: Rault 
gibt der Kommission einen Bericht über seine Verhandlungen in Berlin über die 
Sozialrenten. Er habe sich dabei von drei Grundsätzen leiten lassen: 
1. Aufrechterhaltung und Betonung aller Rechte der Reg.-Kom., die ihr nach dem 
Versailler Vertrag zustehen, deshalb „la Commission de Gouvernement a notifié 
son intention formelle au Gouvernement allemand de créer dans le Territoire un 
système autonome d’assurance“. 
2. Sorge dafür, daß die einzelnen Gruppen der Bevölkerung dieselben Vorteile haben 
wie in Deutschland. 
3. Mit Rücksicht auf die deutschen Proteste, die im Juli in Genf geprüft würden, 
habe er in finanzieller Hinsicht nachgegeben, um zu verhindern, daß die Deutsche 
Regierung sage, die Reg.-Kom. sei unnachgiebig. 
55 Deutsches Weißbuch, S. 101 ff. 
56 Amtsblatt d. Reg.-Kom. 1920, S. 51 ff.; Deutsches Weißbuch, S. 211: In der endgülti¬ 
gen Fassung des Beamtenstatuts hieß es in Teil V, Artikel 24: „Ohne Genehmigung 
der Regierungskommission ist es den Beamten des Saargebietes untersagt, irgend 
welchem beruflichen Vereine, Verbände oder Vereinigung außerhalb des Saargebietes 
anzugehören.“ 
57 Landesrat d. Saargeb., Sten. Ber. v. 19. 9. 1924, S. 56. 
58 S.D.N. Com. d. Gouv. Pr.-V., Sitzung v. 9./1Q. 6. 1920, S. 121: Ein Lehrer hatte die 
Bitte ausgesprochen, an einer pädagogischen Tagung in Berlin teilzunehmen. Rault 
erklärte sich prinzipiell und hartnäckig gegen die Genehmigung, und sie wurde des¬ 
halb versagt. 
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