Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

sehen Konzessionen steigerte sich überdies nach dem Rücktritt der Regierung 
Hermann Müller und dem Beginn des Kabinetts Brüning. Es kam zu Diffe¬ 
renzen zwischen Zentrumspartei und Sozialdemokraten im Saargebiet178. 
Da die preußischen Mitglieder der Pariser Delegation scharfe Anweisungen 
vom preußischen Minister für Handel und Gewerbe erhielten, vermutete 
man in der deutschen Delegation in Paris, daß das auf den Einfluß Max 
Brauns in Berlin zurückzuführen sei, der den Saarverhandlungen in der 
Konstellation Tardieu—Brüning keinen Erfolg wünsche179. Am 29. Mai 1930 
wandten sich die Freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei 
in einer Eingabe an Reichskanzler Brüning, in der die beiden entscheidenden 
Abschnitte lauteten: 
„Die sozialdemokratische Partei und die Freien Gewerkschaften des Saargebiets 
machen die Reichsregierung nochmals mit allem Nachdruck darauf aufmerksam, 
daß sie einer Verlängerung des de Wendelschen Pachtvertrages (Großrosseln) und 
des Pachtvertrages Frankenholz unter Zuteilung preußischer Pachtfelder als Be¬ 
dingung für die Saarrückgliederung nicht zustimmen können und mit allen zu 
Gebote stehenden Mitteln dagegen vorgehen werden . . .“ 
Sie seien der Meinung, „daß eher eine Vertagung oder Aufschiebung der Rück¬ 
gliederungsverhandlungen in Kauf genommen werden muß, als einer Rückgliede¬ 
rung unter Bedingungen zuzustimmen, die für die gedeihliche Zukunftsentwicklung 
der Saar als unerträgliche Belastung angesehen werden müssen“ 18°. 
Diese Eingabe traf erst ein, als die Ablehnung der französischen Vorschläge 
bereits beschlossen war, zeigt aber mit aller Deutlichkeit, wie die Haltung 
der Saarparteien, insbesondere der Sozialdemokraten, ein Eingehen auf 
französische Wünsche kaum möglich machte. Hier nahmen die Sozialisten 
sogar ihr ursprüngliches Einverständnis mit gewissen Zugeständnissen zurück. 
Das spricht für die Vermutung der deutschen Delegation, daß ab März 1930 
die Sozialdemokraten an einer sofortigen Lösung der Saarfrage kein Inter¬ 
esse mehr hatten. 
Die letzte Phase der Verhandlungen, die am 19. März begann, brachte keine 
wesentlich neuen Gesichtspunkte in die Diskussion; die Verhandlungen wur¬ 
den in den folgenden Monaten schleppend und mit mehreren Pausen ge¬ 
führt. Man hatte auf deutscher Seite zwar den Eindruck, daß die Franzosen 
zu einem Abschluß kommen wollten und vorübergehend traten die gegen¬ 
sätzlichen Standpunkte auch etwas in den Hintergrund, als auf Wunsch der 
deutschen Delegation in der Grubenkommission die Pachtverträge überprüft 
wurden, also vom deutschen Ansatz ausgegangen wurde, während man in 
der Zollkommission die französischen Vorstellungen als Gesprächsbasis 
nahm. Trotzdem stieß man ständig wieder auf die gegensätzlichen Auffas¬ 
sungen in der Grubenfrage. Die Franzosen machten schließlich neue Vor¬ 
schläge, in denen sie neben den Warndtkonzessionen einen weiteren Grenz¬ 
streifen mit Kohlenfeldern verlangten181. Sie verzichteten damit auf die 
nicht grenznah gelegene Grube Frankenholz, für die in den Simsonschen 
178 A.A., a. a. O., Bd. 9, II SG 1030, darüber berichteten die Zentrumspolitiker in einer 
Besprechung mit Brüning am 10. 5. 1930; außerdem ebenda, e.o. II SG 1017. 
179 Ebenda, Bd. 9, II SG 1113, Abschrift eines Briefes Friedbergs an Simson. 
180 Ebenda, Bd. 10, II SG 1220. 
181 Ebenda, Bd. 8, II SG 714, Telegramm Simsons v. 2. 4. 1930. 
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