Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

stärker als an die Großstadt Saarbrücken, die nur in den alten Städten 
St. Johann und Saarbrücken auf die Tradition der Grafen von Saarbrücken 
zurückreichte, im übrigen aber ihr Gepräge der Industrialisierung des 
19. Jahrhunderts und der preußischen Verwaltung verdankte. So waren 
enge Beziehungen zu den um das Saarland liegenden größeren Städten aus 
alter territorialer und kirchlicher Tradition ebenso gegeben, wie im 19. Jahr¬ 
hundert Verbindungen zu den preußischen und bayrischen Universitäts¬ 
städten und den rheinischen und pfälzischen Verwaltungszentren erwuchsen. 
In diesen Verhältnissen spiegelt sich nicht nur die Tatsache, daß dem Saar¬ 
gebiet, als es in Versailles geschaffen wurde, die eine Einheit konstituieren¬ 
den historisdien und kulturellen Elemente fehlten, sondern auch, daß das 
Saargebiet trotz seiner Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine Lage im 
Schatten der großen politischen und kulturellen Entwicklungen behalten 
hatte. Dafür zeugt auch, daß vorpreußische Traditionen im 19. Jahrhundert 
in diesem Raum nirgends ein politisch wirksames Kultur- und Sonder¬ 
bewußtsein entstehen ließen, das gegenüber der preußischen Herrschaft auf¬ 
gelebt wäre. Am augenfälligsten ist in diesem Zusammenhang, daß die Stadt 
Saarlouis als Gründung Ludwigs XIV. mit ihrer immerhin beachtlichen 
französischen Tradition und einem gewissen Bevölkerungsprozentsatz fran¬ 
zösischen Ursprungs im 19. Jahrhundert der preußischen Verwaltung keine 
Schwierigkeiten bereitete und eine rein deutschsprachige Stadt wurde7. Diese 
Lage des Saarlandes im Kulturschatten bildete die Voraussetzung dazu, daß 
die führende Beamtenschaft der preußischen Staatsgruben8, der preußischen 
Verwaltung und vielfach auch die Akademikerschaft bis zum Ersten Welt¬ 
krieg kaum aus dem Saarland, sondern aus den übrigen Teilen Preußens 
stammten. Die politische und kulturelle Entwicklung an der Saar schritt auch 
im 19. Jahrhundert langsam voran, und das Gebiet verdiente nur wegen 
seiner Industrie besondere Beachtung. 
Trotzdem entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts langsam soziale und 
politische Probleme, die als spezifisch saarländisch anzusehen sind und die 
wesentliche historische Voraussetzungen darstellten, als das Territorium aus 
den umliegenden Gebieten herausgelöst und einer Sonderverwaltung unter¬ 
stellt wurde. 
Frankreich erstrebte auch im 19. Jahrhundert den Erwerb einiger Teile der 
Saar und rief damit politische Reaktionen der Saarbevölkerung hervor9. Im 
7 Literatur zur Frage Saarlouis: E. Babeion, Les Français de Sarrelouis en Prusse 
Rhénane, in: Revue des Deux Mondes, 6. Jg., Nr. 41, 1917, S. 278—308. Ders., 
Sarrelouis et Sarrebruck, Paris 1918; C. R. Richter und N. Fox, Saarlouis und 
Frankreich, Saarbrücken o.J.; Babeion arbeitete als Vertreter der historischen An¬ 
sprüche Frankreichs auf die Saar fälschlicherweise eine Lebendigkeit der französischen 
Tradition in Saarlouis heraus, wie sie im 19. Jahrhundert nicht mehr bestand. Vgl. 
dazu auch B e 11 o t, a. a. O., S. 16 und S. 83 f. 
8 Bereits unter dem Fürsten Wilhelm Fïeinrich von Saarbrücken (1741—1768) waren 
die Kohlengruben Staatseigentum geworden und gingen deshalb nach 1815 in preu¬ 
ßischen und bayrischen Staatsbesitz über. 
9 Eine historische Darstellung der Ereignisse von 1814/15 bzw. der französischen Saar¬ 
politik des 19. Jahrhunderts enthalten folgende Werke: Babeion, Sarrebruck et 
la Diplomatie Parisienne de 1815, in: Revue des Deux Mondes, 6ième Periode, No. 45, 
Mai/Juni 1918, S. 841—863. Ders., Le Rhin dans l’Histoire, Paris 1917; L. G. Co- 
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