Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

kleinen Hauses und Gartens. Ländlicher Rückhalt, planmäßige Sozialpolitik 
der preußischen Bergwerksverwaltung und der Eisenindustriellen unter Füh¬ 
rung des Freiherrn Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836—1901) be¬ 
günstigten die Besitzbildung und Stufung der Besitzverhältnisse bei der 
Arbeiterschaft und verhinderten weitgehend ihre Proletarisierung4. Lebens¬ 
stil und Lebenshaltung unterschieden sich nicht wesentlich in Industriezentren 
und agrarischen Gebieten. Die Industrialisierung im Saargebiet ließ Bin¬ 
dungen an Haus, Hof und Boden, Dorfgemeinschaft und Kirche bestehen 
und schuf neue an Grube und Eisenwerk und ihre Organisationen wie 
Knappschaft, Bergmannskapellen usw. Die geistige Haltung der saarlän¬ 
dischen Arbeiterschaft behielt dadurch ein konservatives Gepräge, und das 
Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer blieb bis an die Schwelle 
des Ersten Weltkrieges durchgängig patriarchalisch. Die Gleichartigkeit der 
Arbeitsmöglichkeiten und der geringe Bedarf an Spezialarbeitern (mit Aus¬ 
nahme der Glasindustrie) trugen ebenfalls zur langen Dauer dieser Ord¬ 
nungsformen bei und verhinderten das Eindringen fremden Ideengutes und 
fremder Arbeiter5. Das Saarland mit seiner homogenen Arbeiterschaft stellte 
zwar ein klar abzugrenzendes Industriezentrum dar, war aber wirtschaftlich 
nicht selbständig lebensfähig6, sondern blieb für die Einfuhr von Eisenerz 
und den Export von Kohle, Eisen und Stahl auf Elsaß-Lothringen und den 
süddeutschen Markt angewiesen. 
Der Geschlossenheit des Industriegebietes und seiner Arbeiterschaft ent¬ 
sprach aber weder eine kulturelle noch eine politische Einheit des Saarlandes, 
da dem Gebiet eine gemeinsame historische Vergangenheit und ein geistig¬ 
politischer Mittelpunkt fehlten. Die über hundertjährige Zugehörigkeit zu 
den Königreichen Preußen und Bayern zog eine beachtliche Trennungs¬ 
linie durch die saarländische Bevölkerung, der man sich in den ersten Jahr¬ 
zehnten nach 1920 durchaus bewußt war und zum Teil bis heute noch ist. 
Ebenso bewußt war man sich der Gliederung in katholische und evangelische 
Städte und Dörfer. Aber nicht nur in konfessioneller Hinsicht wirkte die 
territoriale Zersplitterung des Saargebietes aus der Zeit vor der Französi¬ 
schen Revolution nach, sondern auch die ehemalige Zugehörigkeit zu den 
großen Territorien Kurtrier, Pfalz und Lothringen zeigte sich noch bis ins 
20. Jahrhundert in der Bindung der Bevölkerung an die Städte Trier, Speyer 
und Metz. Sie war vielfach, besonders in den agrarischen Randgebieten, 
4 Vgl. über die Entwicklung der Struktur der saarländischen Arbeiterschaft und ihrer 
Sozial Verhältnisse besonders folgende Literatur: A. v. Brandt, Zur sozialen Ent¬ 
wicklung im Saargebiet, Leipzig 1904; K. A. Gabel, Kämpfe und Werden der 
Hüttenarbeiterorganisationen an der Saar, Saarbrücken o.J. (1921); H. Junghann, 
Das Schlafhaus- und Einliegerwesen im Bezirk der königlichen Bergwerksdirektion 
Saarbrüchen, Berlin 1921; E. Müller, Die Entwicklung der Arbeiterverhältnisse auf 
den staatlichen Steinkohlenbergwerken von 1816 bis 1903, Berlin 1904; O. Rix- 
ecker, Die Bevölkerungsverteilung im Saargebiet, Diss., Berlin 1929; A. Schorr, 
Zur Soziologie des Industriearbeiters an der Saar, Völklingen 1931; E. Straus, Die 
gesellschaftliche Gliederung des Saargebiets, Diss., Frankfurt 1934; außerdem Bellot, 
a. a. O., S. 3—13, S. 100—119, S. 179—203. 
5 So auch Straus, a. a. O-, S. 121; Straus sieht in dieser Tatsache auch einen wesent¬ 
lichen Grund für den geringen Einfluß der Sozialdemokraten an der Saar vor 1914. 
6 So auch M. Lambert, The Saar, London 1934, S. 133. 
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