Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

grundsätzlichen Ablehnung eines solchen Systems und verschärften damit 
nationale Reserven gegenüber dem Völkerbund. Die Rede des Landesrats¬ 
abgeordneten Martin in der letzten Sitzung des Landesrats vor der Rück¬ 
gliederung bediente sich zur Zurückweisung einer Entscheidung für den 
Status quo fast wörtlich (ohne Quellenangabe) der Ausführungen von Carl 
Schmitt in seiner Schrift von 1925 „Die Rheinlande als Objekt internatio¬ 
naler Politik“. Martin legte dar: 
„Der Saarbewohner lehnt einen anonymen Souverain, wie es der Völkerbund ist, 
ab. Der Völkerbund mag alles mögliche sein: Subjekt staatlicher Autorität, denk¬ 
barer Träger einer Obrigkeit im christlichen Sinne des Wortes ist er jedenfalls nicht. 
Er ist kein Adressat der Gefühle von Treue, Loyalität und innerem Respekt, wie 
es der christliche Begriff der Obrigkeit verlangt. 54 Staaten verschiedenster Art, 
durdr einen höchst unklaren und unbestimmten Vertrag in eine Beziehung gebradit, 
deren rechtliche Eigenart höchst unklar bleibt, mit zwei ganz verschiedenartigen 
Organen, Völkerbundsrat und Völkerbundsversammlung, deren Kompetenz eben¬ 
falls unbestimmt gelassen ist, eine solche Konstruktion kann Hoheit und Autorität 
weder haben noch ausüben, noch ihr Treuhänder sein. Es ist bezeichnend für die 
Begriffsverwirrung und für die naive und gedankenlose Übertragung privat- und 
handelsrechtlicher Vorstellungen auf moralische Fragen des öffentlichen, staatlichen 
und nationalen Lebens, daß man überhaupt die Redensart vom Völkerbund als 
einem Souverain aufstellen konnte.“77 
Das nationale Denken überdeckte alle anderen Tendenzen in der Zentrums¬ 
partei und durchdrang die Vorstellungswelt der verschiedenen Interessen¬ 
gruppen. 
Die Christlichen Gewerkschaften, deren Führungsschicht fast ausnahmslos 
der Zentrumspartei angehörte, bekundeten sofort bei der militärischen Be¬ 
setzung nach dem Kriege ihre Verbundenheit mit Deutschland. In einer 
Denkschrift an General Andlauer vom 22. August 1919 hieß es: 
„Mit Rücksicht darauf, daß das endgültige Schicksal des Saarlandes erst in 15 Jah¬ 
ren entschieden wird, sowie aus rein wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen 
Gründen, betrachten sich die Christlichen Gewerkschaften des Saarlandes auch 
weiterhin als Teil der deutschen Zentralverbände.“78 
Unter den Forderungen des Gewerkvereins der christlichen Bergarbeiter der 
Saar an die Grubenverwaltung stand auch „Achtung der Liebe und Anhäng¬ 
lichkeit der Bergleute zum angestammten Vaterland“79. Diese nationale 
Ffaltung der Christlichen Gewerkschaften blieb während aller Phasen der 
Entwicklung erhalten und führte z. B. dazu, daß der Gewerkverein christ¬ 
licher Bergarbeiter sich aus nationalen Gründen und wegen der Solidarität 
mit den übrigen Schichten gegen eine Frankenentlohnung im Bergbau aus¬ 
sprach, obwohl diese wesentliche Vorteile für die Arbeiter brachte80. Von 
77 Ebenda, Sten. Ber. v. 28. 12. 1924, S. 232. Die Vergleichsstelle bei Schmitt: C. 
Schmitt, Die Rheinlande als Objekt internationaler Politik, Köln 1925, S. 26/27. 
Die Zentrumspresse beschäftigte sich wenig mit Carl Schmitt; S.L.Z. Nr. 181 v. 7. 7. 
1929: Positive Besprechung des obigen Werkes von Carl Schmitt; S.L.Z. Nr. 28 v. 
29. 1. 1933, hier ist ein Brief des Zentrumsführers Kaas an Hindenburg vom 26. 1. 
1933 gegen Carl Schmitt veröffentlicht. 
78 Kiefer, a. a. O., S. 52. 
79 Ebenda, S. 54. 
80 Ebenda, S. 58. 
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