Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

dem Krieg für die konfessionslose Einheitsschule gekämpft, aber dann war 
ihr die gemeinsame deutsche Front gegenüber der französischen Domanial- 
schule wichtiger geworden72. Bei den Demokraten und Liberalen des Saar¬ 
gebiets bildete sich eine feste Tradition, aus nationalpolitischen Gründen die 
Konfessionsschule nicht anzutasten73. Die gemeinsame Linie in dieser Frage 
wurde auch durch eine entsprechende Vereinbarung zwischen dem katho¬ 
lischen Lehrerverband und dem freien Lehrerverband festgelegt74. Da sich 
in der Schulfrage Einfluß und Macht der Zentrumspartei des Saargebiets 
besonders wirksam gezeigt hatten, war es verständlich, daß die Partei in der 
Diskussion, die sich seit 1929 wieder um die Frage der Domanialschule ent¬ 
spann, besonders aktiv zeigte75. Man sah wohl im Rückgriff auf diesen 
Problemkreis immer wieder eine Chance, zentrale Erlebnisinhalte der saar¬ 
ländischen Katholiken zu aktivieren und dadurch wirksame Propaganda für 
die Zentrumspartei zu entfalten. 
Einen gewissen Einfluß auf die geistige Begründung der nationalen Hal¬ 
tung des Zentrums übten auch die Darlegungen Carl Schmitts anläßlich der 
Rheinischen Jahrtausendfeier im Jahre 1925 aus. Rechtsanwalt Levacher, 
der Fraktionsführer des Zentrums im Saarländischen Landesrat, Zentrums¬ 
sprecher bei den Genfer Delegationen und Sprecher zu außenpolitischen Pro¬ 
blemen im Landesrat, berief sich in der Sitzung des Landesrats vom 17. No¬ 
vember 1925 im Verlauf seiner Rede über die Bedeutung von Locarno auf 
Schmitt. Nach Worten voller Hoffnung über Locarno führte er im Hinblick 
auf den Versailler Vertrag und die Saarordnung aus: 
„Ich sagte, das Fundament ist unsittlich, der ganze Bau ist ebenso unsittlich. In 
dieser Beziehung war das geradezu eine Offenbarung für mich, was unser Partei¬ 
freund, der bekannte Rechtslehrer Schmitt, bei der Jahrtausendfeier des Zentrums 
ausgeführt hat, . . . Jedes europäische Volk von einigem nationalen Bewußtsein 
empört sich bei diesem Gedanken, von Fremdlingen regiert und beherrscht zu 
werden.“ 76 
Die Auffassungen Schmitts wurden für einzelne Zentrumsvertreter eine 
theoretische Rechtfertigung des Kampfes gegen die Regierungskommission 
und steigerten die Kampfhaltung gegenüber deren Maßnahmen zu einer 
72 Landesrat d. Saargeb., Sten. Ber. v. 30. 10. 1923: Hier führte der Sprecher der 
Sozialdemokratischen Partei z. B. aus: „Die Sozialdemokratie steht bekanntlich auf 
dem Boden der freien, weltlichen Einheitsschule. Wenn wir auch aus naheliegenden 
Gründen in der gegenwärtigen Zeit keine Veranlassung haben, den Kampf um die 
Schule in der heftigsten Form entbrennen zu lassen, so besteht aber auch andererseits 
keine Ursache, die Konfessionalität der Volksschule noch mehr zu vertiefen.“ 
73 In dem Parteiprogramm der Deutsch-Saarländischen Volkspartei, S.Z. Nr. 5 v. 6. 1. 
1924, hieß es: „Im Interesse der Erhaltung der Einheitsfront der politischen Parteien 
ist die Partei bereit, sich für die Erhaltung der bestehenden Schulverhältnisse bis zum 
Jahre 1935 einzusetzen. Voraussetzung dabei ist, daß folgende Grundsätze berück¬ 
sichtigt werden: Unbedingte Gewissensfreiheit der Eltern und Lehrer, keine Wieder¬ 
einführung der geistlichen Schulaufsicht, auch nicht auf Umwegen.“ Daß diese Tradi¬ 
tion nachwirkte, zeigte sich im saarländischen Abstimmungskampf von 1955, in dem 
die Demokratische Partei des Saargebiets (heute FDP) ausdrücklich für das Saarland 
die Beibehaltung der Konfessionsschule zusagte. 
74 Mitteilung v. Peter Zenner. 
75 Vgl. dazu oben S. 106 f. 
76 Landesrat d. Saargeb., Sten. Ber. v. 17. 11. 1925, S. 3. 
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