Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

ringen und stellte heraus, daß die Franzosen dort trotz ihrer Zusicherungen 
die konfessionelle Volksschule unterhohlt hätten60. Der Bischof von Trier 
und die Geistlichkeit beanstandeten, daß in den französischen Domanial- 
schulen Religionsunterricht, Konfessionalität und Trennung der Geschlechter 
nicht wie in den saarländischen Volksschulen gesichert seien61. Auf dem 
Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Domanialschule im Jahre 1923 
wandte man sich deshalb an den Bischof von Trier und erbat seine Unter¬ 
stützung62. Der Bischof veröffentlichte am 27. Februar 1923 einen Hirten¬ 
brief, in dem es hieß: 
. . Und doch erfüllen mich die Nachrichten mit großer Sorge, welche ich seit 
einiger Zeit über die Volksschulverhältnisse in dem zum Saargebiet gehörenden 
Teil meiner Diözese erhalte. Ein großer Teil der katholischen Kinder hat die be¬ 
währte, nach dem Friedensschluß von der Regierungskommission des Saargebietes 
übernommene und unter ihrer Leitung stehende katholische konfessionelle Volks¬ 
schule verlassen und ist in andere Volksschulen eingetreten. Ich bedaure das von 
Herzen.. .“63 
Auch in den offiziellen Verlautbarungen der Zentrumspartei wurden die 
französischen Schulen in derselben Weise bekämpft: 
„Die Zentrumspartei betrachtet die französischen Volksschulen im Saargebiet, inso¬ 
fern dieselben laut Verfügung der Regierungskommission vom 10. Juli 1920 auch 
von deutschen Kindern besucht werden dürfen, vom religiösen, erzieherischen und 
nationalen Standpunkt aus als ein großes Unglück und Unrecht gegen die christ¬ 
liche und deutsche Saarbevölkerung und ihre Kinder ..." 64 
Durch diese Kämpfe um die Bistums- und Schulfrage kam es dazu, daß im 
Laufe der Zeit eine ausgesprochen theologische Begründung der Liebe zum 
Vaterland entwickelt wurde. Vaterlandsliebe als sittliche Forderung und 
moralische Pflicht des Christen wurde stets betont. In einem Artikel eines 
katholischen Geistlichen steigerte sich diese Auffassung zu folgenden Dar¬ 
legungen: 
„. . . Das Volkstum ist nach unserer ethischen Auffassung die Mitgift des Schöpfers 
an die Völker zur Lösung ihrer Weltaufgaben. . . . Der Schutz des Volkstums ist 
daher ein sittlicher Faktor von hohem Wert und der Obhut der Kirche anvertraut 
als Naturgesetz. . . . Das deutsche Volkstum würde innerhalb des französischen 
Staatswesens oder nur seines beherrschenden Einflusses verkümmern oder gar seiner 
Zerstörung anheimfallen, was dann für die Religiosität unserer Bevölkerung wegen 
60 S.L.Z. Nr. 254 v. 23. 9. 1923 „Rückblick und Ausblick — Der katholische Klerus und 
die Wacht an der Saar“; S.L.Z. Nr. 84 v. 9. 4. 1924 „Die »katholische' Politik Frank¬ 
reichs im Saargebiet“. Re vire, Perdrons-nous la Sarre?, S. 46, schreibt: „Or, si le 
protestantisme prussien apparaissait dangereux aux yeux des Sarrois, l’anticléricalisme 
français ne l’apparaissait pas moins...“. 
61 Bistumsarchiv Trier, Abt. 59, Nr. 59: Hier ein Originalbrief des Generalvikars vom 
10. 2. 1922 an Schlich; Dechant Echelmeyer möge zu einer Konferenz der Dechanten 
des Saargebiets einladen, damit eine Eingabe an den Präsidenten der Regierungskom¬ 
mission verfaßt werde. Die Dechanten sollten um Abstellung der Mißstände in den 
französischen Schulen wie Koedukation, Interkonfessionalität und Anstellung glau¬ 
bensloser Lehrer unter Berufung auf die dem Bischof gemachten Zusagen bitten. 
62 Mitteilung von P. Zenner, der damals als Vorstandsmitglied des Katholischen 
Lehrerverbandes und gleichzeitig Mitglied des Landesparteiausschusses der Zentrums¬ 
partei mit einem anderen Vertreter zu Bischof Bornewasser nach Trier fuhr. 
63 Denkschrift der III. Lehrerkammer für das Saargebiet, Saarbrücken o.J., S. 180 f. 
64 S.L.Z. Nr. 63 v. 6. 3. 1922. 
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