Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

aber im Jahre 1923 lediglich den Prälaten Testa als päpstlichen Visitator zur 
Beobachtung der Verhältnisse an die Saar47. 
Dieser Kampf um den Verbleib bei den deutschen Mutterdiözesen beein¬ 
flußte in mehrfacher Hinsicht das nationale Denken des Zentrums. Die Be¬ 
deutung der kulturellen Verbindung zum übrigen deutschen Raum war in 
besonderer Weise aufgeleuchtet, und auf kirchlichem Gebiet waren die Kon¬ 
takte durch den Klerus, der aus allen Teilen der Bistümer Trier und Speyer 
stammte, uneingeschränkt erhalten geblieben. So war der Rückhalt des saar¬ 
ländischen Zentrums an Kirche und Klerus verstärkt worden. Die Treue 
zum Vaterland erfuhr in der Bindung an die Bischöfe von Trier und Speyer 
eine konkrete und gleichzeitig religiöse Ausformung. 
Eine solche Prägung des nationalen Denkens des Zentrums vollzog sich unter 
Bischof Bornewasser, dem Nachfolger Bischof Korums, der sich eindeutig 
für die nationalen Belange an der Saar exponierte48 und den Franzosen als 
„ardent pangermaniste“49 galt. Im Juli 1922 besuchte Bornewasser z. B., als 
er anläßlich einer Firmungsreise im Saargebiet weilte, den Grafen Moltke- 
Huitfeldt als Leiter der Kultusabteilung und legte ihm dar, es sei eine schwie¬ 
rige seelsorgliche Situation für die Priester an der Saar, wenn sie in Francs 
bezahlt würden, und er bitte deshalb um nochmalige Überprüfung des ent¬ 
sprechenden Beschlusses der Regierungskommission50. Eine Reihe Geistlicher 
verweigerte bis zur allgemeinen gesetzlichen Einführung die Annahme der 
Frankenbezüge51. Die Bedeutung der Bindung an die Bischöfe von Trier 
und Speyer kam besonders klar auf dem saarländischen Katholikentag am 
3. Juni 1923 in Saarbrücken zum Ausdruck. Dem Organisationskomitee ge¬ 
hörten führende Männer der saarländischen Zentrumspartei an, von den 
Geistlichen Pfarrer Dr. Schlich. 70000 Menschen nahmen an dem Katho¬ 
likentag52 teil, und neben den großen Predigten und Vorträgen über reli¬ 
giöse Probleme standen auch religiöse Kundgebungen, bei denen es zu Be¬ 
kenntnissen der Treue zu den Mutterdiözesen und zu den anwesenden 
Bischöfen von Trier und Speyer kam. Rechtsanwalt Steegmann von der 
47 Bistumsarchiv Trier, Abt. 59, Nr. 50, fol. 15—22. 
48 Aufschlußreich für die Haltung Bischof Bornewassers ist auch eine Rede, die er in 
Trier bei den Abschlußfeierlichkeiten zu seinem Amtsantritt hielt. S.Z. Nr. 131 
v. 20. 5. 1922. Darin hieß es: „... deutsche Vaterland, das wir lieben mit allen Fasern 
unseres Herzens. Ferne sei von uns jener unchristliche Nationalismus, diese Sünde 
unserer Zeit, der meint, nur in seinem Volk sei alles gut und beim andern sei alles 
schlecht. Jede Nation hat ihr Gutes und ihr Schlechtes und jedes Volk hat seine Licht- 
und seine Schattenseiten. Aber seine Heimat, sein Vaterland, sein Volk zu lieben, mit 
dem den Menschen Abstammung und Blut, Denken und Empfinden, gemeinsame 
Sitten, Bildung und Erziehung und so viele tausend Fäden der Anhänglichkeit ver¬ 
binden, das ist des Menschen Recht und des Menschen sittliche Pflicht. Und wenn wir 
Heimat und Vaterland liebten in jenen Tagen, als sie die Höhenwege des Glückes 
gingen, dann wollen wir in den Zeiten, wo Vaterland und Volk durch die Täler des 
Leidens wandern müssen, ihnen mit doppelter Liebe angehören,...“. 
49 Z. B.: Echo de Paris v. 14. 6. 1923 „La grève de la Sarre“. 
50 S.D.N. Com. d. Gouv. Pr.-V., 11. 6. 1922, S. 262. 
51 Bistumsarchiv Trier, Abt. 59, Nr. 64, Teil IV. 
52 Erster Saarländischer Katholikentag in Saarbrücken am 3. Juni 1923, herausgegeben 
von Pfarrer Dr. Schlich, Saarbrücken, o. J. (1923). 
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