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GRIMM (1995:1) konstatiert dabei ein „vorherrschendes wissenschaftliches Interesse für die ‘Gunst oder
Ungunst’ von Grenzziehungen“ und deren strategische Bedeutung bzw. resultierende Konfliktpotentiale,
das bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts anhielt. In der deutschen Geographie befaßte sich zuerst Ratzel
(1897) in seinem Standardwerk über die Politische Geographie ausführlich mit der Raum Wirksamkeit
von Grenzen und Lagenachteilen von peripheren, grenznahen Gebieten. In der Folgezeit, im Vorfeld des
I. Weltkriegs, vor allem aber in den 1930er Jahren, wurde die wissenschaftliche Betrachtung des Phänomens
Grenze zunehmend von naüonalistisehen Gebietsansprüchen geprägt, was zu einem Abgleiten in
pseudo-wissenschaftlichen Arbeitsweisen der Geopolitik führte (vgl. MAULL 1925; HAUSHOFER et al.
1928). Die unheilvolle Ausnutzung der „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse dieser Autoren durch die
faschistischen Machthaber ist hinlänglich bekannt.
Nicht zuletzt die Erfahrungen zweier Weltkriege und ihrer Vorgeschichte sowie die nachfolgende
Aussöhnung führten international zu einer Abkehr von der ideologisch geprägten Diskussion um Genese
und Lage von Grenzen. Stattdessen erfolgte eine Hinwendung zu den räumlichen Effekten bestehender
Grenzen. So kam es, nach Überwindung der Verirrungen in die Geopolitik, zu einer Renaissance der
politisch-geographischen Forschung über Grenzen und grenznahe Räume, die durch die Werke von
MINGHI (1963) und PRESCOTT (1965), in Deutschland spätestens durch die Arbeiten von BOESLER
(1979; 1982) eingeläutet wurde. Auch wenn diese Autoren, allen voran MINGHI, bereits eine regionalräumliche
Betrachtungsweise vetreten, dominiert bei ihnen die Beschäftigung mit der Trennwirkung von
Grenzen als linearem Raumelement bzw. mit innerstaatlichen Kem-Rand-Gefällen, die in Grenzräumen
besonders deutlich werden. TAYLOR (1985) lehnt in seinem world-systems approach den Begriff frontier
ob seiner außen- und kontaktorientierten Konnotation gänzlich ab und hält stattdessen innenorientierte
boundaries für eine notwendige Komponente territorialer Souveränität und damit für einen essentiellen
Bestandteil der modernen Weltwirtschaft, obgleich diese einer wachsenden strukturellen Globalisierung
unterhegt (Taylor 1985:105 ff.).
ÄUGELT! (1980:19) unterscheidet sich von diesen Ansätzen durch eine stärkere Betonung der besonderen
kulturellen und politischen Rahmenbedingungen in grenznahen Räumen und den damit verbundenen
Gemeinsamkeiten benachbarter Grenzregionen: „borderlands [...] tend historically to be zones of
cultural overlap and political instability where the national identity and loyalties of the people offen
become blurred“. Darauf aufbauend liefert HOUSE (1981) mit seinem operationeilen Modell für Grenzstudien
erstmals eine umfassende Methodik, die Grenzräume als grenzüberschreitende Raumgebilde
analysiert, indem sie Gemeinsamkeiten und (Austausch-)Beziehungen in Form sogenannter borderland
transaction flows darstellt und quantifiziert.
Seine logische Fortsetzung findet dieser Paradigmenwandel innerhalb der politisch-geographischen
Grenzraumforschung in dem border landscape concept von RUMLEY & MINGHI (1991), das den
Grenzräumen eine geographische Eigenständigkeit zuspricht: „the boundary creates its own region, making
an element of division also the vehicle for regional definition“ (a.a.O.:15). Es handelt sich bei dem
Konzept um ein engagiertes Plädoyer für eine ganzheitliche Befassung mit grenzüberschreitenden Räumen,
ihren kulturellen und sozio-ökonomischen Gemeinsamkeiten, sowie ihren spezifischen Entwicklungspotentialen.
Unterschieden werden vier Forschungsschwerpunkte, mit denen sich die Politische
Geographie befassen soll, um ihren Beitrag beispielsweise zu räumlichen Entwicklungsstudien zu liefern:
a) Unterschiede in der Sozialstruktur zwischen und innerhalb der Staaten;
b) Wirtschaftliche Unterschiede zwischen und innerhalb der Staaten;
c) Strukturelle und ideologische politische Unterschiede zwischen und innerhalb der Staaten;
d) Art und Umfang der zwischenstaatlichen Interaktionen.
(RUMLEY & MINGHI 1991:296)
Die Entwicklung eines Grenzraumparadigmas wurde zweifelsohne begünstigt durch den raschen Bedeutungswandel
und die Abschwächung vieler Grenzen, beispielsweise im Zuge der Realisierung des