Full text: Das Mainzer Zunftwesen und die französische Herrschaft

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vember hielt er seinen feierlichen Einzug in die Residenzstadt. 
Begeistert schlugen ihm die Herzen seiner Landeskinder ent¬ 
gegen. Doch dieser Einzug gestaltete sich nicht nur zu einem 
öffentlichen Bekenntnis der Bürger zur Staatsverfassung, 
sondern auch zu einer machtvollen und eindringlichen Kund¬ 
gebung für die Zunftverfassung. 
Nach Zünften geordnet hatte die gesamte Mainzer 
Bürgerschaft von der Rheinbrücke bis zum Deutschen Hause 
Aufstellung genommen. Unter dem Donner der Kanonen, dem 
Geläute der Glocken und den Hochrufen der Bürger bewegte 
sich der Zug durch das Rote Tor, über den Karmeliterplatz, 
den Flachsmarkt an der Peterskirche vorbei. In der Nähe der 
Margaretenkapelle sprangen plötzlich 20 weissgekleidete 
Metzgerburschen vor, spannten die Pferde der kurfürstlichen 
Equipage aus und zogen sie unter dem Jauchzen der Menge 
in den Hof des Deutschen Hauses, wo die Schützenkompagnie 
und der Handelsstand den Landesvater begrüssten.258) 
Doch die stillgehegten Erwartungen der Zunftmeister 
sollten sich nicht erfüllen. Die Rückkehr des Kurfürsten be¬ 
deutete die Fortsetzung der alten Gewerbepolitik. Zunft¬ 
reform war immer noch die Parole. Diesen Geist atmete auch 
die Verordnung vom 25. Juni 1796259), die befiehlt: An dem 
Reichsschluss 1731 und an der hierüber im Jahre 1772 von kur¬ 
fürstlicher Landesregierung erlassenen Weisung ist „straker 
Dinge“ zu halten. 
Wenn die Regierung die seitherige Gewerbepolitik fort¬ 
setzte, so konnte ihr deshalb kein Vorwurf gemacht werden. 
Selbst wenn sie den guten Willen gehabt hätte, den Wünschen 
der Handwerker entgegenzukommen, so wurde sie an der 
Ausführung dieser Absicht durch die kriegerischen Ereignisse, 
die sich um Mainz abspielten und die Stadt stets bedrohten, 
gehindert. Noch waren die Spuren der überstandenen Be¬ 
lagerung und Beschiessung nicht ganz beseitigt, als Ende 
Oktober 1794 die Franzosen die Stadt einschlossen. Bis zum 
29. Oktober 1795 währte diese schreckliche Belagerung. Doch 
schon im Juli 1796 langten die Franken wiederum vor Mainz 
an, wurden jedoch im September 1796 von den Österreichern 
zurückgeschlagen.260) Vogt kennzeichnet treffend die Zeit von 
1793—1797, wenn er sagt: „Von der Rückkehr des Kurfürsten 
bis zur neuen Übergabe an die Franzosen ist nichts Merkwür¬ 
258) Werner: Der Dom von Mainz Bd. 3, S. 424 f. 
25B) M. St. 21/101. 
26°) Bockenheimer: Geschichte der Stadt Mainz während der zweiten 
französischen Herrschaft S. 1. 
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