Full text: Logik

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Die Lehre vom Urteil 
und ihn dem Urteil unterwirft. »Ist« steht für den Kopulabegriff mit seiner 
Doppelfunktion, eine Prädikatsbestimmtheit auf den Subjektsgegenstand 
hinzubeziehen und die absetzende Behauptung zu vollziehen. Dieses kopu¬ 
lative »ist« meint gar nichts von Existenz oder Realität. Und es fordert un¬ 
bedingt eine Ergänzung durch einen Prädikatsbegriff. In jener um das »P« 
verkürzten Formel muß, wenn sie wirklich das Existenzialurteil repräsen¬ 
tieren soll, das kopulative »ist« notwendig noch das existenziale »ist« in sich 
aufnehmen, wodurch aber nun der zuerst weggelassene Prädikatsbegriff 
heimlich und versteckt wieder in die Formel eingeführt wird. Nicht auf das 
Wort »ist« kommt es ja an, sondern darauf, was es im einen und im anderen 
Falle bedeutet. Im allgemeinen Ausdruck des Urteils umfaßt es aber nur die 
Kopula, in der reduzierten Formel dagegen schließt es außer der Kopula 
auch den Prädikatsbegriff in sich. 
Geben wir jedoch dem »ist« in der Formel »S ist« nicht diese umfassende 
Bedeutung, nehmen wir nicht heimlich einen neuen Prädikatsbegriff darin 
auf, und lassen wir zugleich, da nun der Prädikatsbegriff fehlt, die erste 
Kopulafunktion, nämlich die Hinbeziehungsfunktion, fort, da sie ja ohne 
Prädikatsbegriff nicht haltbar ist, so bleibt als der einzige Begriffsrest, für 
den das »ist« steht, nur die Kopula in ihrer zweiten Funktion, nämlich in der 
Behauptungsfunktion übrig. Das Gedankengebilde, das also dann der Formel 
»S ist« entspricht, bestände aus dem Subjektsbegriff »S«, der einen Gegen¬ 
stand meint und ihn dem Urteil unterwirft, und der Behauptungsfunktion 
der Kopula, die nun auf nichts weiter als auf den einsamen Gegenstand »S« 
trifft. Diese Behauptungsfunktion ist eine rein gedankliche Funktion, sie 
meint nichts Gegenständliches, und sie setzt auch nicht dem Subjektsgegen¬ 
stand irgend etwas zu. Der Sinn dieses Gedankengebildes bestände also darin, 
den Subjektsgegenstand mit der Behauptung zu treffen, ihn zu behaupten. 
Das ist aber kein vollständiger Sinn, denn ein Gegenstand für sich allein läßt 
sich nicht behaupten. Auf jeden Fall aber ist dies Gedankengebilde kein 
Existenzialurteil, denn in dem letzteren wird nicht ein Gegenstand bloß 
behauptet, sondern auch etwas über ihn behauptet, nämlich eben dies, daß 
er existiert. Dies wird sofort deutlich, wenn man das Existenzialurteil mit 
der Existenzial/r#gv? vergleicht. Denn in der positiven Existenzialfrage 
»Existiert S?« wird das »Existieren« schon auf den Subjektsgegenstand posi¬ 
tiv hinbezogen, aber zugleich diese Zusetzung noch fraglich gelassen, wäh¬ 
rend dann im antwortenden positiven Existenzialurteil über dieselbe Zu¬ 
setzung das Behauptungsgepräge gelegt wird. Die Behauptungsfunktion setzt 
hier, wie überall, ihrem Wesen gemäß die positiv oder negativ schon ent¬
	        

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