Full text: Logik

Das Existenzialurteil und die Impersonalien. Eingliedrige Urteile? 
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wird, daß die Unabhängigkeit von den Gedanken die sekundäre, negative 
Folge der Existenz ist, ähnlich wie die Unabhängigkeit des Willens nur die 
sekundäre, negative Seite seiner Freiheit ist, so erkennt man zugleich die 
Verschiedenheit der Existenz von der Gedankenunabhängigkeit und zugleich 
den Grund, warum ihre Identifizierung so nahe liegt und warum die Aus¬ 
deutung des Existenzialurteils in diesem Sinne so leicht richtig erscheint. 
Nichts könnte nun denjenigen, die behaupten, das Existenzialurteil sei 
ein prädikatloses Urteil und es bilde deshalb einen entscheidenden Einwand 
gegen die obige allgemeine Bestimmung des Urteils, willkommener sein als 
das negative Resultat unserer bisherigen Untersuchungen über den Sinn 
des Existenzialurteils. Haben wir doch weder an dem Gegenstand selbst, auf 
den sich das Existenzialurteil bezieht, irgend etwas, ein »Was« oder eine ihm 
für sich anhaftende Bestimmtheit, noch unter seinen Beziehungen zu irgend¬ 
welchen anderen Gegenständen irgend etwas gefunden, was wir mit Recht 
als seine Existenz, seine Realität, seine Wirklichkeit in Anspruch nehmen 
können. Zeigt sich darin nicht, daß die vermeintliche Prädikatsbestimmtheit, 
die im Existenzialurteil vermeintlich durch einen Prädikatsbegriff dem Ge¬ 
genstand zugeordnet wird, ein Phantom ist, das jedem ernsthaften Versuch, 
es zu erfassen, restlos entschwindet? Ist damit nicht erwiesen, daß es keine 
solche Prädikatsbestimmtheit gibt und daß deshalb das Existenzialurteil 
wirklich keinen Prädikatsbegriff enthält, daß also die Urteile überhaupt nicht 
notwendig einen Prädikatsbegriff zu haben brauchen, da das Existenzial¬ 
urteil doch immerhin ein Urteil ist? Indessen, diese Folgerung wäre sehr 
voreilig. 
Zuerst, wenn man etwas, das man sucht, nicht findet, so folgt daraus noch 
nicht, daß es das Gesuchte nicht gebe. Sucht man am falschen Ort, so kann 
man das Gesuchte natürlich nicht finden. Existenz ist eben kein »Was«, kein 
»Wie« und keine Relationsbestimmtheit irgendwelcher Art, folglich kann 
man sie unter diesen auch notwendig nicht auffinden. Doch sehen wir uns 
zunächst einmal die vermeintlich prädikatlosen Existenzurteile genauer an. 
Es wäre zu gedankenlos, von der allgemeinen Formel des Urteils »S ist P« 
auszugehen und aus ihr das Existenzialurteil als prädikatloses Urteil einfach 
dadurch abzuleiten, daß man das »P« wegläßt und den Rest »S ist« als 
Formel des Existenzialurteils nimmt. Denn was man durch jene Weglassung 
des »P« in Wahrheit gewinnt, ist überhaupt kein Urteil mehr, sondern ein 
Urteilsbruchstück. Wenigstens solange man die Bedeutungen des »S« und 
des »ist« in der allgemeinen Formel des Urteils ungeändert läßt. »S« steht 
nämlich darin für den Subjektsbegriff, der den Subjektsgegenstand meint
	        

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