Full text: Grundlegung der Dialektik

Dialektik und Leben 
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geschichtliche Spannung und das Hervortreten der Dialektik zu 
einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Gestalt grundsätz¬ 
lich in der Ur-Dialektik des Lebens angelegt und durch sie sinnhaft 
und metaphysisch beglaubigt sind. Ja, noch mehr. Sie ziehen nicht 
allein den Umstand, daß sie überhaupt zum Ausdruck gelangen 
und das Wesen einer Zeitlage charakterisieren, sie ziehen mit anderen 
Worten nicht bloß ihre Tatsächlichkeit, sondern auch — und das 
wiegt ungleich schwerer — ihr Recht aus der metaphysischen Lebens¬ 
dialektik, die dadurch nichts Geringeres als ihre sittliche Funk¬ 
tion erweist. 
Dann jedoch sind auch die tatsächlichen Einzelspannungen nicht 
willkürliche und nicht äußerliche, nicht gelegentliche, der Laune 
einzelner unruhiger Geister entsprossene ephemere Niederschläge 
jeweils auftauchender Entladungen. Sie bilden vielmehr aus innerer 
und sozusagen mit sittlicher Notwendigkeit das Schicksal einer Zeit, 
das niemals „gemacht“ wird, das in uns und mit uns da ist, wie 
das Leben selber in uns da ist. Wir wollen, um uns dem Sprach¬ 
gebrauch der kritischen Philosophie anzuschließen, von der Auto¬ 
nomie der dialektischen Spannungen reden. Diese Span¬ 
nungen treten demnach keineswegs von außen her auf uns zu; wir 
werden nicht durch einen äußeren Befehl mit ihnen belastet; sie 
werden uns nicht zugemutet und die Auseinandersetzung mit ihnen 
wird uns nicht angesonnen. Wäre das der Fall, dann würde ihnen 
mit ihrer Autonomie auch ihre sittliche Notwendigkeit und ihr sitt¬ 
liches Recht fehlen. Wir könnten ihnen ausweichen oder ganz ent¬ 
weichen. Oder ihnen höchstens eine wissenschaftliche Aufmerksam¬ 
keit widmen und sie zum Gegenstand einer philosophisch-begriff¬ 
lichen Untersuchung und Klarlegung machen. Doch hier ist eine 
solche intellektuelle und theoretische Einstellung und Bezugnahme 
nichts weniger als ausreichend, weil nichts weniger als angemessen. 
Die Auseinandersetzung mit der Dialektik, auch mit derjenigen, die 
das Zeitalter der Gegenwart beherrscht, ist eine sittliche Aufgabe 
und eine sittliche Pflicht, weil es unsere autonome sittliche Tat ist, 
der diese Dialektik entstammt. Im tiefsten Wesensgrunde ist die 
Beschäftigung mit der Dialektik diejenige — vielleicht tragische — 
Auseinandersetzung, die das Leben mit sich selber, die wir Menschen 
mit uns selber als unsere wesentlichste Bestimmung vorzunehmen 
haben. Sie ist der Kampf des Lebens in und um sich selber. Und 
sie stellt endlich auch einen, oder dürfen wir sagen?, den Wert¬ 
messer des Lebens dar. Dieser Wertmesser wird nicht von außen her
	        

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