Full text: Grundlegung der Dialektik

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Dialektik und Leben 
Eigenschaft und willkürliches Zubehör, sondern als sein Faktor, als 
seine schöpferische Bedingung, als seine ewige Selbstverwirklichung, 
ja als seine ewige Aufgabe und Bestimmung, die aus ihm selber 
hervorgetrieben wird, weil sie seine Aufgabe und seine Bestimmung 
darstellt. Ohne diese Ur-Dialektik keine Erneuerung des 
Lebens. Wo sich, ganz unabhängig von jeder besonderen Gestalt, 
eine solche Erneuerung, eine Wendung, eine Krisis des Lebens 
anbahnt oder anzubahnen sucht oder auch nur in Aussicht steht, 
da läßt sich mit Sicherheit das Wiedererwachen und Wirk¬ 
samwerden der ewigen Lebensdialektik annehmen. So gewiß, wie 
mit allem Dasein das Moment der Krisis gesetzt, wie in alles Dasein 
das Moment der Krisis eingeschlossen ist, wie ihm immer ein schick¬ 
salsmäßiges Risiko innewohnt, so gewiß lebt auch alles Leben in 
einer Dialektik, lebt es zuhöchst nur von ihr. Das Leben wäre nicht 
frei, es wäre also ,,totes Sein“ und nicht Leben, wäre es nicht sein 
Schicksal, dialektisch zu sein und seinen Wert in seiner Dialektik 
zu erproben und zu offenbaren. 
Diese unmittelbare und unzerreißbare Wechselbeziehung zwischen 
dem Leben überhaupt und dem Faktor der Dialektik, diese meta¬ 
physische Rechtfertigung des Lebens aus seiner Dialektik, 
aus seiner Unruhe, aus seinem Übersichemporgerissenwerden läßt 
uns den Grund für die Erneuerung der Dialektik in dem 
Leben der Gegenwart tiefer, d. h. aus der Metaphysik des 
Lebens selber her begreifen. Diese Erneuerung wurzelt nicht in 
zufälligen geschichtlichen Erscheinungen und speist sich nicht aus 
dem äußeren Zusammenfluß solcher, miteinander schwer verträg¬ 
licher Bewegungen. In dem herben Durchbruch solcher schweren 
antinomischen Bewegungen, von denen sogleich die Rede sein 
wird, und deren Zwiespältigkeit untereinander unserer Zeit und uns 
die Ausgeglichenheit des Klassizismus genommen hat, tritt die 
ewige Dialektik des Lebens in einer nur zum Teil geschicht¬ 
lich bestimmten Sonderausprägung hinein in das Bewußtsein und 
in das Handeln der Gegenwart. Und lediglich dadurch, daß die 
empirisch-geschichtlichen Spannungen hervorwachsen aus der Tiefe 
der schöpferischen Ur-Dialektik, gewinnen sie eine mehr als blo߬ 
geschichtliche Geltung und Notwendigkeit. Das soll nicht heißen, 
sie seien in ihrer konkreten Erscheinungsweise und in der konkreten 
Komplikation, in der sie im geschichtlichen Wirkungszusammenhang 
auftreten und sich entfalten, aus der Ur-Dialektik ohne weiteres 
ableitbar. Wohl aber soll dieser Gedanke besagen, daß jede einzelne
	        

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