Full text: Grundlegung der Dialektik

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Einleitung 
konstruktion geschaffen wurden, können, wie gesagt, für die philo¬ 
sophische Arbeit so wenig fruchtlos geblieben sein, wie sie es für 
die Ausbildung der historischen Wissenschaften tatsächlich waren. 
In der Zwischenzeit sind nun die metaphysischen Systeme von 
Lotze, Fechner, Eduard von Hartmann und von der Seite des Neu¬ 
kantianismus dasjenige Cohens hervorgetreten, um von anderen 
minderbedeutsamen metaphysischen Gedankenbildungen im Augen¬ 
blick nicht zu sprechen. Aber diese metaphysischen Systeme sind 
in der Hauptsache noch immer von der Mathematik oder von den 
Naturwissenschaften abhängig, etwa von der Physik oder von der 
Entwicklungslehre und von der Biologie. Und vielleicht ist in diesem 
Umstand der Grund dafür gegeben, daß die Geschichte der Meta¬ 
physik allen jenen Systemen keinen eigentlichen Fortschritt ver¬ 
dankt, daß sie durch diese Systeme im Prinzip nicht über denjenigen 
Standpunkt hinausgewachsen ist, der seit den Tagen von Leibniz von 
unserer klassischen Philosophie bereits gewonnen war. Wilhelm 
Windelband hat den eigentümlichen Wert der genannten Systeme 
dadurch ausgezeichnet charakterisiert, daß er in ihnen Belege des 
Eklektizismus erblickte, ohne durch diese Bezeichnung ihren Gehalt 
herabsetzen zu wollen. 
Bei einem universellen Blick auf das Große und Ganze und unter 
Absehung von dem in metaphysischer Hinsicht nicht allzu gewich¬ 
tigen Vorstoß von Ludwig Feuerbach, sind nur zwei Versuche mit 
besonderer Betonung zu berücksichtigen, die von der Grundlage 
der historischen Wissenschaften aus eine Deutung der geschichtlich¬ 
gesellschaftlichen Welt vollziehen, die Leistungen von Friedrich 
Nietzsche und Wilhelm Dilthey. Und es wäre eine reizvolle und 
lohnende Aufgabe, den Beziehungen nachzugehen, in denen Nietz¬ 
sches bzw. Diltheys systematische Arbeiten auf dem Gebiete der 
Philosophie zu denjenigen konkreten Geisteswissenschaften stehen, 
die ihnen im besonderen Ausmaße vertraut waren. Daß beide Denker 
zu den Schöpfern der so wichtig gewordenen geisteswissenschaft¬ 
lichen Psychologie gehören und unter Verwendung derjenigen Ge¬ 
sichtspunkte, die für diese Psychologie charakteristisch sind, eine 
eigentümliche Auffassung vom Werden und Gehalt der geschicht¬ 
lichen Welt vor uns ausbreiten, das ist ohne ihre enge Beziehung zur 
klassischen Philologie nicht denkbar. Hier beobachteten sie den 
Gebrauch von Gedankenformen, von geistigen ,,Gestalten“, von 
geschichtlichen Einheitsbildern, die nach Form und Inhalt grund¬ 
sätzlich abweichen von denjenigen kategorialen Formungen der Er¬
	        
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