Full text: Grundlegung der Dialektik

1. Die Idee der Philosophie als Einheit 
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Ich sprach von der dialektischen Vielspältigkeit und Universali¬ 
tät der Philosophie, in deren Struktur und Systematik der Dogma¬ 
tismus und Ontologismus nur einen Wesenszug neben anderen 
bildet. 
I. Die Idee der Philosophie als Einheit. 
Schon darin prägt sich ein bezeichnender Unterschied der Philo¬ 
sophie von den positiven Einzelwissenschaften aus, daß in ihr und 
für sie eine Fülle gegensätzlicher Standpunkte und Richtungen 
nicht bloß möglich, sondern geradezu berechtigt und wesensnot¬ 
wendig ist. So sehr der einzelne auch einem bestimmten Stand¬ 
punkt nahestehen mag und ihn als den alleingültigen anerkennt, 
so muß doch ein unvoreingenommener Blick auf die geschichtliche 
Entwicklung der Philosophie ihm die Frage aufdrängen, wie es denn 
kommen konnte und kommen mußte, daß in dieser Entwicklung 
jene Vielheit, ja Gegensätzlichkeit hervortrat. Nur eine vorurteils¬ 
volle Enge der Auffassung und der Beurteilung kann zu der Ansicht 
verführen, daß der antinomischen Mannigfaltigkeit philosophischer 
Einstellungen und Systeme persönliche Willkür oder eine zu weit 
greifende individuelle Eigenart als die ausschlaggebenden schöpfe¬ 
rischen Momente zugrunde lägen. Sollte der Gedanke so ganz ab¬ 
wegig sein, daß alle jene inneren Spannungen, an denen die Ge¬ 
schichte und die Systematik der Philosophie gleicherweise so über¬ 
reich sind, zu den eigentümlichen Bedingungen und Grundnot¬ 
wendigkeiten, und zu den Charaktermerkmalen der Philosophie ge¬ 
hören, und sowohl deren Eigenart als auch deren Vorzug bilden? 
Wie aber ist dieser Gedanke zu verstehen? Und wie ist er zu 
rechtfertigen und zu begründen? Offenbar können ein solches Ver¬ 
ständnis und eine solche Begründung nur dann erfolgen und nur 
dann von Erfolg begleitet sein, wenn wir uns über jegliche Ein¬ 
seitigkeit in der Einnahme der philosophischen Betrachtung er¬ 
heben. Diese Wendung aber kann nicht von diesem oder von jenem 
philosophischen System aus vorgenommen werden, sondern ihre 
Voraussetzung muß die Idee der Philosophie als solche sein. 
Gerade die eingangs absichtlich betonte Vielheit der philoso¬ 
phischen Systembildungen, die sich oft bis zu einer ganz unphilo¬ 
sophischen, weil parteilichen Zerrissenheit auf dem Felde der Philo¬ 
sophie gesteigert hat, macht die Erhebung zu der universalen Idee 
der Philosophie zur Notwendigkeit. Denn darf gerade auf diesem
	        

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