Full text: Grundlegung der Dialektik

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Vili. Dogma und Kritik 
bekundet sich eine ewig aktuelle und mit Notwendigkeit immer 
wieder hervorbrechende Tendenz im System der Philosophie. Wir 
müssen von der verlockenden Aufgabe jetzt absehen, auf die ge¬ 
schichtlichen Gründe für die Wendung zur Ontologie einen Blick 
zu werfen und Max Schelers Stellung in dieser Entwicklung zu 
kennzeichnen. Doch indem wir in der Darstellung selber von den 
ewig aktuellen Bedingungen und Forderungen handeln werden, die 
für die Entstehung einer ontologischen Philosophie maßgebend sind, 
werden sich die Ausführungen wie von selber, wenigstens mittel¬ 
bar und zu einem nicht unerheblichen Teil, zu einer Gedächtnis¬ 
rede auf Max Scheler gestalten. 
Wir werden sehen, inwiefern seine Vertretung der Ontologie 
eine Förderung der Philosophie in sich schließt, und wir werden 
ferner sehen, inwiefern in der Vertretung dieses Standpunktes sich 
seine Eigenart als Denker ausspricht. 
Aber jenseits dieses Einzelstandpunktes, der in der Ontologie 
zum Ausdruck gelangt, und ihn weit übergreifend erhebt sich die 
dialektische Universalität der Philosophie. Diese vielspältige Uni¬ 
versalität der Philosophie gemahnt daran, daß die Ontologie und 
der mit ihr gegebene Dogmatismus doch nur eine Wesensseite 
innerhalb der Dialektik der Philosophie ausmachen. Die Erneue¬ 
rung der Ontologie kann der Philosophie selber nur dann zugute 
kommen, wenn diese Renaissance als ein Teilvorgang innerhalb 
der weit über ihn hinausgehenden Gesamterneuerung der Philo¬ 
sophie begriffen wird. Wie diese Gesamterneuerung zu verstehen 
und wie sie durchzuführen ist, das soll sich im folgenden zeigen. 
Wir wollen aber dabei nie vergessen, daß sie ohne die Heranzie¬ 
hung der ontologischen Einstellung unmöglich wäre, und zwar 
gerade darum, weil die Ontologie nur ein, aber unentbehrliches 
Teilmoment in dem umfassenden System der Philosophie bedeutet. 
So hat Max Scheler mit erfolgreicher Tatkraft auch an der 
Wiedererneuerung der Philosophie mitgewirkt. Das wollen wir ihm 
mit hoher Anerkennung und mit dem Versprechen dauernden Ge¬ 
denkens buchen. Doch dürfen wir dabei nicht verschweigen, daß 
mit allem Eintreten für die Ontologie, so wohlbegründet dieses 
Eintreten auch sein mag, nur halbe Arbeit geleistet wird, wenn 
sich ihm der mit dem kantischen Kritizismus gegebene normative 
Gesichtspunkt nicht begründend beigesellt. 
Wenn ich nun zu der Darstellung selber übergehe, so kann ich 
an das soeben Angedeutete unmittelbar anknüpfen.
	        

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