Full text: Grundlegung der Dialektik

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VII. Die Erneuerung der Dialektik in der Gegenwart 
gorienanalyse entscheiden: Die Entwicklung der Philosophie jeden¬ 
falls drängt dahin, das traditionelle Vorurteil gegen die verschiedenen 
Arten des Dualismus fallen zu lassen. Dazu gezwungen wird man 
im höchsten Verstände durch das unaufhebbar dialektische Ver¬ 
hältnis zwischen Seinskategorien und Werten oder ontologischen 
und axiologischen Prinzipien. Auf diesem Widerstreit beruht das 
ganze Phänomen des sittlichen Lebens und damit zugleich die 
Möglichkeit seiner Erkenntnis. Der Naturalismus oder Biologismus 
zerstört durch die Überordnung der ontischen, der Normativismus 
durch die der axiologischen Prinzipien den Sinn und die Problemlage 
des ethischen Phänomens, das seine ganze Voraussetzung gerade in 
dem Zwiespalt von Sein und Sollen besitzt. Ihre stärkste Spannung 
und größte Tiefe erreicht die Idee der Antinomik aber erst durch 
die innerhalb des Wertreiches selber vorhandene Diskrepanz, d. h. 
nicht bei dem Konflikt zwischen moralischer und antimoralischer 
Triebfeder (etwa kantisch: zwischen Pflicht und Neigung), sondern 
bei einer Reibung zwischen Pflicht und Pflicht, zwischen Wert und 
Wert, z. B. in dem Fall eines Konfliktes zwischen Recht und Liebe. 
Hier waltet der Widerstreit in den Wertprinzipien selber; an ihm 
wird die Unlösbarkeit aller echten Antinomien in der tiefsten und 
entscheidendsten Schicht des Lebens deutlich. Wäre auch diese 
Antinomie behebbar, so „gäbe es im Leben nichts, was der Mensch 
von Fall zu Fall mit eigener Verantwortung zu entscheiden hätte“ 
(S. 172—177). 
Beachtenswert an diesem Versuch Nikolai Hartmanns, dem 
meine eigenen Arbeiten in verschiedenen Beziehungen sehr nahe¬ 
stehen, ist ein Doppeltes. Erstens die Erweiterung der kantischen 
Inkongruenz von Sein und Sollen über die spezifisch moralische 
Sphäre hinaus zum Weltkonflikt, zu einem Gegensatz in der Ver¬ 
fassung und Schichtung der Wirklichkeit überhaupt; zweitens 
die Wendung zur Behauptung realer, ontologischer Antinomien und 
damit nicht sowohl eine Erweiterung der kantischen Basis als 
vielmehr in gewissem Sinne eine Entfernung von ihr. Dem Ausbau 
des Konfliktsgedankens über den Rahmen der Ethik hinaus in der 
Richtung auf einen antinomisch-dialektischen Idealismus stimme 
ichdurchaus zu. Abergegendas Recht einerontologischen Auffassung 
der Antinomien vermag ich meine Bedenken nicht zu unterdrücken, 
da hier die Gefahr einer Preisgabe der kritischen Geisteshaltung 
zugunsten einer Hypostasierung, Substanzialisierung der Antinomien¬ 
idee vorliegt.
	        

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