Full text: Grundlegung der Dialektik

2. Die Wendung zur Dialektik 
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kann unter rein logischem Gesichtspunkt gefragt werden, ob es 
sachlich notwendig ist, daß alle Antinomien sich lösen. Kann nicht 
gerade die Antinomie eine logische und sachliche Objektivität auf¬ 
weisen und damit das eigentliche Wesen der Sache ausmachen? 
Das Ergebnis wäre dann, die Antinomien als ontologische Aporien 
aufzufassen und als ihr wichtigstes Aufspürungswerkzeug die Dia¬ 
lektik zu verwenden. Die dialektische Methode besitzt den un¬ 
leugbaren Vorzug, die Antinomien als Antinomien zu erfassen, ihre 
Unlösbarkeit bereits an der Problemform sichtbar zu machen. Dann 
allerdings muß auch die Dialektik in einem weniger harmoni¬ 
sierenden und weniger harmonistischen Sinne gebraucht werden 
als bei Hegel. Denn die gewaltigen und offenkundigen Reibungen 
und Spannungen im Gefüge der Welt widersprechen der Hegelschen 
Dialektik, die doch im Grunde nur ein Instrument zur Auflösung 
und zur Verneinung der Antinomien ist. Aber alle echten Anti¬ 
nomien sind notwendig unlösbar; eine lösbare Antinomie ist ein 
hölzernes Eisen. Stimmungen und eine rein subjektive Teleologie 
verführen zur Verschleierung dieser Erkenntnis, vermindern den 
tragischen Ernst in der Tatsache der Antinomien. Sie entspringen 
einer dogmatischen Geisteshaltung, während es umgekehrt das 
Kennzeichen einer kritischen Einstellung ist, auf Lösung und 
Harmonie zu verzichten. Der Ausbau einer solchen kritisch-dialek¬ 
tischen Ontologie, die von Nikolai Hartmann vorläufig erst im Ent¬ 
wurf vorgelegt ist, würde nun nach seiner Ankündigung zunächst 
zwei mögliche Grundfälle systematischer Antinomik genauer zu 
untersuchen haben. Die eine Möglichkeit besteht darin, daß der 
Widerstreit lediglich in der Vernunft, im Denken liegt, und daß die 
Vernunftprinzipien nicht zureichen, um alle Seinsbestimmtheiten 
zu fassen. Dann wären die Antinomien reine Erkenntnisphänomene, 
so wie Kant sie verstand: nicht Antinomien des Seins, sondern der 
Vernunft. Die andere Möglichkeit besteht darin, daß der Zwie¬ 
spalt lediglich im Sein liegt, daß er real und das Seiende disharmo¬ 
nisch sind. Dann würde jede gedankliche Konstruktion einer Einheit 
oder schon das Suchen nach ihr, so sehr diese durch den Satz des 
Widerspruches bedingt sein mögen, einen Verstoß gegen die zwie¬ 
spältige Artung des Seins bedeuten, einen Verstoß, von dem die 
Ratio dennoch nicht lassen kann, den sie trotz aller Vergeblichkeit 
ihres Tuns, wie von einem unentrinnbaren Schicksal dazu bestimmt, 
immer aufs neue begehen muß. Welcher von beiden Antinomien¬ 
typen der berechtigte ist, das muß eine ganz eingehende Kate- 
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