Full text: Grundlegung der Dialektik

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VII. Die Erneuerung der Dialektik in der Gegenwart 
ist heute noch immer ebenso das Problem. Daß die erstere heute 
unendlich erweitert ist und vielmehr aus dem lebendigen Andrang 
politischer, sozialer und wirtschaftlicher Lebensfragen erwächst, als 
für jene Generationen des deutschen Ancien-Regime möglich war, 
das ist dabei eine Frage für sich“ (S. 254). 
Ganz von der Seite der Hegelschen Dialektik aus versteht und 
würdigt er auch die sogenannte materialistische Geschichtsphilo¬ 
sophie von Karl Marx. Ihren materialistisch-ökonomischen Ein¬ 
schlag beurteilt er geradezu als unerheblich; nur Marx’ „realistische 
Dialektik“ verdiene Berücksichtigung (S. 321, 327 u. ö.). Ihr hoher 
Wert bekunde sich in ihrer Tauglichkeit zur Erfassung der vollen 
Unmittelbarkeit und sinnlichen Kraft des Lebens, wie auch ihre 
Verwendung durch Ludwig Feuerbach beweise, der in der Dialektik 
das trefflichste Gegenmittel gegen alle verschwimmende Romantik, 
spekulative Übergeistigkeit, politischen Quietismus und gegen die 
Hypostasierung von Begriffen erblicke (S. 322). Friedrich Engels 
vollends wolle in seinem Anti-Dühring an die Stelle der verhaßten 
mystisch-romantischen Spekulation, mit anderen Worten über¬ 
haupt an die Stelle der überlebten und entbehrlich und nutzlos 
gewordenen Philosophie die „realistisch verstandene Dialektik“ 
gesetzt sehen. Das „Kommunistische Manifest“ sei ganz und gar 
auf dem Prinzip der Dialektik aufgebaut, dem Troeltsch in diesem Falle 
sogar eine hinreißende Leistungsfähigkeit nachsagt (S. 328—329). 
In Engels Schrift „Lage der arbeitenden Klassen“ erscheine der 
Kommunismus als dialektische Lösung der Spannung von Bürger¬ 
tum und Proletariat. Und wenn Troeltsch schließlich, um von 
anderen Beispielen abzusehen, behauptet, auch das „Kapital“ von 
Karl Marx sei sowohl seinem, dem modernen Menschen so be¬ 
fremdlichen Einsatzpunkt als auch seinem ganzen Aufbau nach 
nur von der Dialektik aus zu verstehen (S. 332, Anm.), so darf von 
dieser betonten Hervorhebung der dialektischen Betrachtungs¬ 
weise bei anderen Denkern auf die eigene starke Neigung zu diesem 
Verfahren und auf sein Vertrauen zu dessen wissenschaftlicher 
Geltung geschlossen werden. Nur der Umstand dieser Hervor¬ 
hebung und seine Kennzeichnung interessieren uns hier, nicht jedoch 
die auch von Troeltsch natürlich berücksichtigten Abweichungen der 
Marxistischen von der Hegelschen Dialektik. 
Wir stehen aber jetzt vor der Frage nach den Gründen für 
Troeltschs hervorstechende Vorliebe für das dialektische Verfahren. 
Zwei Gründe sind in der Hauptsache dafür maßgebend. Erstens
	        

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