Full text: Grundlegung der Dialektik

388 
VI. Die Dialektik der Metaphysik 
Unter- und Außervernünftige zur Reinheit und Seligkeit des Logos 
zu veredeln. Der in allem Endlichen waltende Logos verewige das 
Endliche, indem er es gerade seiner Eigenart als Endliches entreißt, 
indem er es auf den Grund des Unendlichen aufträgt und zum 
Unendlichen emporträgt. 
Vernichtet er dadurch aber nicht die Eigenart und die Geltung 
des Endlichen und seine Geschichte? Vielmehr: Vernichtet nicht 
weniger der Logos, als sein metaphysischer Anwalt Hegel die Auto¬ 
nomie des Endlichen? Trägt nicht das Endliche und seine Geschichte 
ein eigenes und tiefes Ethos in sich? Die einzigartige Tragik, die 
dem Leben eingebettet und von ihm nicht wegzudenken ist, wird 
doch verkannt und verwischt, wenn der Selbstwert der Geschichte 
zugunsten der Autonomie des Absoluten unterdrückt wird, wenn 
die Autonomien beider Wirklichkeitsfaktoren in ihrer Wechsel¬ 
beziehung und in der Herbheit dieser Wechselbeziehung nicht rein 
und streng aufrechterhalten werden. Hermann Cohen hat mit 
Recht darauf aufmerksam gemacht, daß Hegel eine eigentliche 
systematische Ethik nicht geschaffen habe. Gehindert daran haben 
diesen großen Dialektiker, der sehr oft und gerade in prinzipiellem 
Betracht so undialektisch dachte und vorging, die monistisch-huma¬ 
nistischen und pantheistischen Voraussetzungen und Tendenzen 
seiner Philosophie. Für die Ethik ist und bleibt das Problem des 
Konfliktes von konstitutiver Bedeutung. Und dieser Begriff des 
Konfliktes muß in seinem vollen Sinne und mit der Bereitschaft 
zu allen Folgerungen aufgenommen und vertreten werden. Es 
heißt, der Idee der Sittlichkeit, des sittlichen Strebens und der 
Wissenschaft der Ethik eine ihnen ganz wesentliche Bedingung 
nehmen, wenn die Erscheinung und die Kategorie des Konfliktes 
von Anfang an unter das Licht der Lösung und Aufhebung gerückt 
werden. Der Begriff des Konfliktes ist für das sittliche Leben eine 
„praktische“, für die Ethik eine „theoretische“ Apriorität. Begreif¬ 
bar wird aber diese Apriorität aus der Erkenntnis des Zusammen¬ 
pralls und der Reibung der beiden Autonomien des Endlichen der 
Geschichte und des Unendlichen des Logos und aus der Erkenntnis 
der Antinomie zwischen diesen Autonomien. 
Es ist gewiß keine Frage, daß der Metaphysiker die Pflicht hat, 
das Endliche auf das Unendliche zu beziehen und es vom Absoluten 
her zu erfassen und zu deuten. Die volle Berücksichtigung dieser 
Pflicht in der Form der Systematik gehört zu den wesentlichen 
Obliegenheiten der metaphysischen Betrachtungsweise, und die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.