Full text: Grundlegung der Dialektik

5. Die ewige Dialektik und Problematik der Metaphysik 387 
ist schwerer, ist aussichtsloser geworden. Wir fühlen uns unabweis¬ 
bar verpflichtet, in und bei aller Systematik dennoch auch das 
Geschichtlich-Konkrete und das Geschichtlich-Irdische zu be¬ 
rücksichtigen und die Unbedingtheit, die einer systematisch ge¬ 
schlossenen Metaphysik innewohnen muß, nicht völlig abzulösen 
von den Spannungen, Unausgeglichenheiten, Relativitäten im 
Reiche des Endlichen. Die empirische Forschung hat eine zu große 
Selbständigkeit und einen zu großen Reichtum gewonnen, als daß 
sie nicht bei allen „metaphysischen“ Entwürfen und bei allen 
„metaphysischen“ Erkenntnissen ein entscheidendes Wort zu 
sprechen hätte. Unser Denken, unsere Begriffsbildung, unsere 
Urteile und unsere Beurteilungen sind nun einmal in beträcht¬ 
lichem Ausmaße historisiert. Man kann von bestimmten Voraus¬ 
setzungen aus diesen Prozeß beklagen und diese Historisierung zu 
überwinden trachten. Und sicherlich ist gerade die metaphysische 
Einstellung und Systematik eines der wirkungsvollsten Mittel, um 
diese Überwindung durchzuführen bzw. wenigstens in die Wege zu 
leiten. 
Aber auch bei dieser Bemühung bleibt das Geschichtliche gerade 
in seiner Relativität ein nachhaltig einflußreicher Gesichtspunkt 
und Faktor für die Entwicklung einer Geschichtsmetaphysik. 
Treiben wir heute Metaphysik, dann müssen wir die Welt der Ge¬ 
schichte und alles das, was die moderne Geschichtswissenschaft in 
dem Reichtum ihrer Zweige uns über diese Welt gelehrt hat, in ganz 
anderem Umfange und mit ganz anderer Anspannung in Betracht 
ziehen, als der alte Idealismus es tat oder zu tun brauchte. Nicht 
nur die Metaphysik als solche, auch nicht nur die Geschichte als 
solche, sondern eben das Verhältnis zwischen Metaphysik und Ge¬ 
schichte ist für uns zu einem ungleich ernsteren und komplizierteren 
Problem geworden. Deshalb sieht sich auch eine Metaphysik des 
Geistes, die stets zugleich eine Metaphysik der Geschichte als Teil 
in sich umfaßt, vor schwierigere Aufgaben gestellt als jener klassische, 
synthetisch-harmonistische Idealismus. 
Die Idee der Harmonie und des Humanismus, die für diesen 
Idealismus die Bedeutung einer Grundvoraussetzung besaß, ruhte 
schließlich auf dem Glauben an einen der Verwirklichung innerhalb 
der Geschichte fähigen Endzustand. Das heißt: Er schrieb dieser 
Idee eine welterlösende Kraft zu; er glaubte, sie könne die Ge¬ 
schichte und ihre Unausgeglichenheiten ebenen und überwinden. Er 
traute dem Logos dieser Idee die Macht zu, alles Alogische, alles 
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