Full text: Grundlegung der Dialektik

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VI. Die Dialektik der Metaphysik 
sagt: „Alle Monismen haben im letzten etwas Charakterloses an 
sich“1). Dennoch steckt in diesem Tadel ein berechtigter Kern. 
Auch in Hegel äußert sich eine Übertreibung des monistischen 
Verlangens; auch er hat an der romantischen Neigung teil, die 
sich davon gar nicht abhalten läßt und immer bestrebt ist, die 
Grenzen innerhalb der Gegensatzverhältnisse abzuplatten* 2), so 
heftig er sich im übrigen über die Romantiker geäußert haben mag. 
Auch er läßt, mit anderen Worten, die Idee der Einheit, und zwar 
der vernünftigen Einheit, zu schnell und zu völlig über die dialek¬ 
tischen Aufgerissenheiten der Erkenntnis und der Wirklichkeit 
triumphieren. Seinen metaphysischen Konstruktionen soll syste¬ 
matische Großartigkeit gewiß nicht abgesprochen werden. Jeder 
Metaphysiker trägt in sich die Pflicht zur Systematik. Und Hegel 
hat dieser Pflicht mit bezwingender Stärke entsprochen. Aber 
diese Systematik ist zu harmonisch geraten. Sie schwebt zu sehr 
über und jenseits der Antithetik der Geschichte. Er kennt wie 
kaum ein zweiter den Zwiespalt und den Zwieklang zwischen Meta¬ 
physik und Geschichte. Doch beherrscht von der Idee des Aus¬ 
gleichs und der „Aufhebung“, die doch immer nur eine Form und 
eine Ausprägung des Synthesisgedankens darstellt, hat er der 
Dämonie der geschichtlichen Dissonanzen nicht genug Wort haben 
wollen. In ihm atmet jener, für unsere ganze klassische Zeit bezeich¬ 
nende Drang nach Harmonie, jenes typisch humanistische Verlangen, 
über das wir im Zusammenhang dieser Ausführungen schon wieder¬ 
holt gesprochen haben, wie wir auch wiederholt unser Verhältnis zu 
diesem Harmonismus berührten. 
Wenn nämlich ein Umstand für diejenige Entwicklung maßgebend 
ist, die sich seit Hegel auf wissenschaftlichem und geistig-seelischem 
Gebiet vollzogen hat, so ist es derjenige einer gewaltigen Zunahme 
des Erlebnisses unserer Verstricktheit in die Paradoxie und Dämonie 
der geschichtlichen Lebenszusammenhänge und im Verein damit die 
Zunahme der Erkenntnis dieser Verstricktheit3). Unser Dasein ist 
dadurch in gewissem Sinne bewegter und schwerer geworden. Aber 
auch die Möglichkeit des Aufbaues einer idealistischen Metaphysik, 
die sich ganz im Reiche rein logisch-formaler Konstruktionen bewegt, 
J) Romano Guardini a. a. O., S. 95; vgl. auch S. 48. 
2) Guardini S. 41 f. 
3) Vgl. zu den Ausführungen über den Harmonismus auch das Kapitel 
„Das Verhältnis der prinzipiellen Dialektik zu der einseitigen, humanistisch¬ 
ausgleichenden Dialektik Platos, Hegels, Schleiermachers, Schellings“(S.306ff.).
	        

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