Full text: Grundlegung der Dialektik

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V. Hauptformen der Dialektik 
einer Grundlegung der Geisteswissenschaften verstanden wurde. 
Handelt es sich jedoch um eine Theorie, um eine „Kritik“ der 
Geisteswissenschaften, also um ihre Grundlegung als objektive 
Wissenschaften, dann mußte aus dem Erlebnis der Dialektik immer 
stärker eine Umbildung in der Richtung auf den Begriff der Dia¬ 
lektik hervorgehen. Die Theorie mußte dahin gelangen, die Dia¬ 
lektik als objektives Gedankeninstrument und als ob¬ 
jektive Gedankenform auszuzeichnen und anzuerkennen, 
d. h. es ergab sich von selbst, ihren Geltungswert als Kategorie 
zu erkennen und festzuhalten. 
Die Herausarbeitung und Erkenntnis des objektiven, des kate- 
gorialen Geltungswertes der Dialektik erfuhr nun ohne Zweifel eine 
höchst wirksame Unterstützung durch den Neukantianismus und 
durch die in ihm sich vollziehende Entwicklung. Durch sie 
wurde der rein prinzipielle und logische Sinn klarer, der in der 
Forderung einer Grundlegung der Geisteswissenschaften liegt. So¬ 
wohl bei Georg Simmel als bei Heinrich Rickert ist bereits 
in der Fragestellung dieser kantisch-neukantische Einfluß unver¬ 
kennbar. Denn beide formulieren ihre Aufgabe so, daß sie wörtlich 
fragen: Wie ist die Geschichte bzw. Wie sind die Kulturwissenschaften 
als Wissenschaft überhaupt möglich? Jener tut das in seinem Buche 
„Die Probleme der Geschichtsphilosophie“, dieser in der bekannten 
Schrift „Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft“. Die Ge¬ 
nauigkeit der transzendental-kritischen Fragestellung half außer¬ 
ordentlich, die Untersuchung auf die Erfassung gerade des begriff¬ 
lichen — nicht mehr erlebnismäßigen — Apriori des historischen 
Erkennens einzustellen. Wenn nun der Begriff der Dialektik und 
Antinomik sich als dieses Apriori erweist, so entsteht die bedeutungs¬ 
volle, aber schwierige Aufgabe, eine Logik der Dialektik zu 
schaffen und ein System der dialektischen Kategorien zu 
entwickeln. 
Dieses Erfordernis ist von der Philosophie der Gegenwart mehr 
und mehr in seiner Wichtigkeit eingesehen und die Dringlichkeit 
seiner Erfüllung ist mehr und mehr hervorgehoben worden. Vor allem 
hat Jonas Cohn darauf Anspruch, in diesem Zusammenhang genannt 
zu werden (vgl. auch S. 401 ff.). Es kann sich nicht darum handeln, 
bloß die allgemeinen, aus der Geschichte der Philosophie schon be¬ 
kannten Antinomien noch einmal darzustellen und zu beleuchten, 
sondern dem allgemeinen Begriff der Antinomie die Antinomik und 
Dialektik besonders der geschichtlichenErkenntnisgegenüberzustellen
	        
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