Full text: Grundlegung der Dialektik

2. Die Dialektik der Geschichte 
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spricht lediglich einer bestimmten einzelnen Aufgabeform und einem 
bestimmten einzelnen Aufgabengebiet der Wissenschaft. 
Aber wie es unmöglich ist, den Geist des Rationalismus voll¬ 
kommen außer acht zu lassen, ebensowenig ist es möglich, die Idee 
der Lebensdialektik voll und ganz preiszugeben. Das relative Recht 
und die Notwendigkeit beider Standpunkte sind in den vorstehenden 
Ausführungen des öfteren gekennzeichnet worden. Daraus aber er¬ 
gibt sich die Forderung ihrer Verbindung (vgl. S. 266ff.; be¬ 
sonders S. 368). Ich möchte den aus dieser Überlegung hervor¬ 
gehenden methodischen Gesichtspunkt als dialektischen Rationalis¬ 
mus oder als den Standpunkt des dialektischen Idealismus bezeich¬ 
nen. Inwiefern er mit der Methode Hegels übereinstimmt bzw. von 
ihr sich unterscheidet, wird bald zu berühren sein (S. 306ff.). 
Die Entwicklung in der Wissenschaftslehre der Gegenwart scheint 
mir diesem Standpunkt sich zu nähern bzw. ihn ganz deutlich 
vorzubereiten. Und zwar kommen hierfür zwei sich wechsel¬ 
seitig unterstützende Richtungen in Betracht. Das von Dilthey 
gestellte Thema einer „Kritik der historischen Vernunft“ mußte 
notwendigerweise immer mehr von allen psychologischen und 
geistesgeschichtlichen Nebenfragen und Nebenuntersuchungen frei 
gemacht und in seinem logisch-theoretischen Kern verstanden 
werden, je weiter die Bemühungen um eine logische Grundlegung 
der Geisteswissenschaften fortschritten, und je mehr die Abweichung 
einer solchen Grundlegung von der psychologischen Analyse und von 
der entwicklungsgeschichtlichen Herleitung der geschichtswissen¬ 
schaftlichen Begriffe erkannt und betont wurde. Schon in 
Diltheys engerer Schule regten sich dahinzielende Versuche; sie 
fanden ihren Ausdruck in den Unternehmungen einer Theorie 
des historischen Verstehens, wie sie z. B. von Eduard Spranger 
in erfolgreicher Weise unternommen wird. Diese Entwicklung, 
zu einer reinen Theorie im engeren Sinne zu gelangen, läßt sich 
bei allen Fortschritten der philosophischen Arbeit beobachten, u. a. 
auf dem eigensten Felde der als Logik bezeichneten Disziplin selber. 
Auch hier zeigt die Geschichte der Logik etwa der letzten dreißig 
bis fünfzig Jahre eine zunehmende Tendenz, alle historisch-gene¬ 
tische oder biologische oder psychologische Auffassung und Inter¬ 
pretation der logischen Gebilde zu überwinden zugunsten einer rein 
logisch-systematischen. In bezug auf die uns hier interessierende 
Frage kann man davon sprechen, daß immer klarer gerade der 
erkenntnistheoretische oder erkenntniskritische Sinn der Aufgabe
	        
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