Full text: Grundlegung der Dialektik

14. Das Numenose der Dialektik 
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faltigkeit jener dialektischen Standpunkte zusammen, die bei aller 
ihrer Verschiedenheit untereinander dennoch darin übereinstimmen, 
daß sie in der Dialektik nur ein Hilfsmittel, nur eine Methode, nur 
einen Durchgangspunkt für die Erreichung der absoluten Einheit 
erblicken. Sie betrachten also die Dialektik nur als einen relativen 
Prozeß und lassen ihn in der Absolutheit der Welteinheit „aufge¬ 
hoben'*, beseitigt sein. Für sie alle, und darin spricht sich ihre Ge¬ 
meinschaft aus, bildet die Dialektik ein Werkzeug im Dienste der 
Harmonie und der absoluten Einheit der Substanz. Nicht der 
Dialektik — und auch nicht der Freiheit, wie zu zeigen sein wird — 
billigen sie den logischen und den metaphysischen Primat zu. Nach 
jenen genießen die Idee der absoluten Einheit und der absoluten Har¬ 
monie die Geltung der Apriorität. Die Dialektik hingegen ist ihnen 
nur eine Form, um diese Einheit und Harmonie zu gewinnen; sie 
ist ihnen im Grunde doch nur ein Spiel des Geistes, an dessen Ab¬ 
rollen der Geist sein Gefallen hat, das er sogar notwendig gebraucht, 
um sich zu entfalten, um sich zu verwirklichen, das er aber einstellt, 
sobald er wieder ,,zu sich selber“ gekommen ist. Die Substanz des 
Geistes selber geht nach ihnen in die Dialektik nicht ein, sie wird 
von ihr nicht berührt, nicht aufgelockert, nicht in Frage gestellt. 
Der Sieg der Einheit und der Harmonie ist ihnen a priori sicher, 
und deshalb ist ihnen auch die „Aufhebung“ der Dialektik a priori 
sicher. Man könnte sie vielleicht auch als Vertreter einer harmoni- 
stisch-harmonäsierenden Dialektik bezeichnen: Sie sind — sit venia 
verbo — der Dialektik gegenüber nicht Dialektiker, sondern Harmo- 
niker; sie sind undialektische Dialektiker. Das soll der Ausdruck 
„klassische Dialektik“ besagen. 
Für uns dagegen handelt es sich darum, die ewige Dialektik in 
der Dialektik anzuerkennen und aufrechtzuerhalten und diese 
Ewigkeit der Dialektik auf den verschiedensten Gebieten aufzu¬ 
decken. Für uns ist die Dialektik gleichfalls ein „Spiel“. Aber kein 
Spiel nur am Außenrande der Substanz, nur an ihrer Oberfläche, 
sondern dieses dialektische Spiel ist uns die Substanz selber. In ihm 
„erscheint“ das „Wesen“ der Dinge nicht bloß, so daß Wesen und 
Spiel auseinanderfielen oder wenigstens methodisch voneinander ge¬ 
schieden werden könnten, sondern nach der hier verfochtenen Auf¬ 
fassung decken sich „Erscheinung“ und „Wesen“ der Dialektik, 
decken sich „Spiel“ und „Substanz“. Sie decken sich eben in — 
dialektischem Sinne! Das heißt: Die Erfassung der Dialektik im 
dialektischen Geiste, die Erfassung der Dialektik als Dialektik über¬
	        

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