Full text: Grundlegung der Dialektik

14. Das Numenose der Dialektik 
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ohne die Idee der Dialektik und der Antinomie zugrunde zu legen, 
ja, daß Begriff und Wesen der Philosophie selber ein Ausdruck und 
Beleg dialektischer Denkungsart und antinomischer Konstruktions¬ 
form sind. Doch handelt es sich bei allen diesen prinzipiellen Feststel¬ 
lungen um keinerlei Zugeständnisse an den Skeptizismus. Sie wären 
es dann, sobald sie eine Unsicherheit, eine Wahrscheinlichkeit der 
Erkenntnis der betreffenden Gebiete zum Ausdruck bringen wollten. 
Das ist jedoch nicht der Fall. Daß die Philosophie und die Wissen¬ 
schaft, die Theorie und die Lebensanschauung, daß die Wahrheit und 
die Wirklichkeit das Gepräge der Dialektik usw. tragen, ist in objek¬ 
tivem und konstitutivem Verstände zu nehmen, sowie vergleichsweise 
von der mathematischen Geltung naturwissenschaftlicher Erkenntnis 
gesprochen wird. Mit einem Worte: Die Begriffe Dialektik, Antinomik, 
Paradoxie u. dgl. besitzen die Bedeutung objektiv gültiger Kate¬ 
gorien, die kraft ihrer eigentümlichen Synthese das System des dialek¬ 
tischen Idealismus gründen und kraft ihres Gebrauches als Prinzipien 
der Methoden das System aufbauen und zur Entfaltung bringen. 
Durch die Betonung der maßgebenden Mitwirkung jener Kate¬ 
gorien an der Grundlegung und an der Durchführung der ver¬ 
schiedenen Kultursysteme soll nicht bloß ihre formale Bewegtheit, 
nicht bloß ihre formale Dynamik hervorgehoben werden, so groß 
diese Dynamik in jeder Hinsicht auch ist. Es handelt sich vielmehr 
um eine noch viel stärkere Reibung, Spannung, Unruhe als es die¬ 
jenige ist, die innerhalb der Form eines Kultursystems bemerkbar 
ist. Jedes Kultursystem, jede geschichtlich-gesellschaftliche Schöp¬ 
fung, gleichgültig ob es eine solche aus der Welt der Theorie oder 
eine solche aus dem praktisch-technischen Leben ist, steht in einem 
ebenso paradoxen als notwendigen Kampf gegen einen fremden, 
feindlichen Faktor, der sich gegen die harmonische Einordnung in 
das betreffende System sträubt. Er gehört zu dem System und 
gehört zugleich nicht zu ihm; er steht draußen, wird durch Zwang, 
durch Konstruktionen, die gerade bei den gedanklichen Höchst¬ 
leistungen sehr oft den Charakter äußerster und kühnster Gewalt¬ 
samkeit annehmen, in das System hineingenötigt, durch Kombi¬ 
nationen und Vergleiche hineininterpretiert und darf trotzdem seine 
Außenstellung, seine Abwehrstellung, seine Jenseitigkeit nicht preis¬ 
geben, weil der formenden Kraft des Systems, ja der Pflicht, die 
jedes System zur Formung hat, die Möglichkeit, sogar der Sinn zur 
Betätigung fehlen würde. Das „Andere“, das „Fremde“, das Feind¬ 
liche ist jedem System um seinetwillen nötig. Die gedankliche Ur-
	        

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