Full text: Grundlegung der Dialektik

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III. Der dialektische Idealismus 
Gesellschaftsform. Und ebenso fehlen nicht ohne Grund sowohl in 
der Affektenlehre des Descartes wie in der Spinozas alle Hinweise 
auf den Affekt der „Angst“. Jene Geschlechter fühlten sich in den 
Voraussetzungen ihrer Existenz und in der Gewißheit der Erreichung 
ihrer Ziele zu sicher, als daß sie der Dämonie der Angst eine mehr 
als negative Bedeutung hätten zuerkennen können. Das war von 
ihrem Standpunkt aus nur folgerichtig. Denn ein so durchrationali¬ 
siertes Erkennen und Dasein verträgt sich nicht mit der Anerkennung 
der Dialektik des Lebens. Es würdigt diese Dialektik nur, soweit es 
an ihr nicht überhaupt verständnislos vorübergeht, als eine durch 
die Allmacht des Verstandes grundsätzlich überwindbare, also nur 
vorläufige Stufe der Entwicklung. Das heißt: Dialektik und Anti- 
nomik sind ihm lediglich relative und vorübergehende Erscheinungen, 
die sich der harmonisierenden Rationalisierung beugen und in die 
panlogische Einheit der Wirklichkeit hinabtauchen und somit ver¬ 
löschen. 
Mit dieser Erkenntnis stehen wir vor der Einsicht gerade an 
demjenigen Punkt, an dem das Versagen der streng rationalistischen 
Spielart des Idealismus sich am offenkundigsten zeigt. Dieses Ver¬ 
sagen spricht sich nicht eigentlich in seinem grundsätzlich unvermeid¬ 
lichen Mißlingen der beabsichtigten Rationalisierung der Welt und 
einer rationalistischen Erklärung und Ableitung aller Erscheinungen 
allein durch den Verstand, wogegen aus methodologischen Gründen 
kein Einspruch zu erheben wäre, aus, sondern darin, daß der Ver¬ 
stand als solcher zur absoluten Daseinsquelle erhoben wird. Das 
jedoch bedeutet die Hypostasierung eines Gedankens und eines 
Inbegriffs von gedanklichen Operationen, nämlich eben des Ver¬ 
standes, der zu einem Ding an sich, zu einem absoluten Wesen 
ontologisiert wird. Alsdann aber ist kein Raum mehr für die Dia¬ 
lektik und Antinomik des Lebens vorhanden; die Absolutheit und 
Allmacht des hypostasierten Verstandes verträgt und erlaubt ein¬ 
fach keine andere Autonomie. Deshalb also vermag der hier 
ins Auge gefaßte Rationalismus dem Leben der Wirklichkeit 
und der Wirklichkeit des Lebens nicht gerecht zu werden, weil er 
die Autonomie der Lebensdialektik nicht anzuerkennen und zu 
dulden vermag. Darin also liegt sein prinzipielles Versagen be¬ 
schlossen. Die Lebensangst aber ist nun gerade ein zwingender 
Ausdruck und Beleg für jene Dialektik und für das Leben überhaupt. 
Sie ist und bleibt eine positive Instanz, eine eigenmächtige Größe, 
die aus den Schöpfungen und aus der Entwicklung der Kultur nicht
	        

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