Full text: Grundlegung der Dialektik

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III. Der dialektische Idealismus 
heiten gesehen, dann ist die Möglichkeit einer Beziehung zwischen 
ihnen ausgeschlossen, oder aber eine Beziehung wäre nur unter 
Preisgabe ihrer absoluten Autonomie denkbar. Nun soll und kann 
gemäß den Voraussetzungen dieses dualistischen Substantialismus 
jene Selbständigkeit in keiner Bezugsweise eingeschränkt werden. 
Dabei bleibt es ganz unerheblich, ob Denken und Sein als zwei Sub¬ 
stanzen, wie bei Descartes, oder ob sie als zwei Attribute an der 
Grundsubstanz gedacht werden, wie bei Spinoza. Soll die monisti¬ 
sche Entscheidung außer Spiel bleiben, und besonders ein Descartes 
ist ein Logiker von zu großem Scharfsinn, um die katastrophale 
Schwäche jedes Monismus nicht zu durchschauen, so liegt die Ge¬ 
fahr, in das Extrem zu fallen, nur allzu nahe. Aber nun muß trotz¬ 
dem eine Beziehung zwischen den Substanzen angenommen werden. 
Dazu scheinen die Wissenschaften zu zwingen, in erster Linie die 
mathematischen Naturwissenschaften, die ja die Eroberung der 
Welt der Tatsachen durch die Formen des Denkens auf Schritt 
und Tritt zeigen. Dazu scheint das praktische Handeln des Men¬ 
schen nicht weniger zu zwingen; denn auch dieses erweist unauf¬ 
hörlich die Überwältigung des Stoffes durch die Kraft der Klugheit, 
die Bezwingung der chaotischen Fülle des Gegebenen durch die 
formenden und ordnenden Synthesen des Intellektes. Was ist in dieser 
Verlegenheit also zu tun? DieAushilfe besteht in der Annahme einer 
wechselseitigen Aufeinanderabgestimmtheit, eines Parallelismus der 
beiden Substanzen. Denn das Verhältnis des Parallelismus wahre am 
sichersten die unaufgebbare Selbständigkeit der beiden Substanzen. 
Zugleich bringe die Theorie des Parallelismus die Erkenntnis der 
doch offensichtlichen Beziehung zwischen ihnen zu logisch einwand¬ 
freiem Ausdruck. 
Welche seltsame, wunderliche Theorie ist dieser Dualismus, dieser 
Parallelismus. Nicht nur eine wunderliche Theorie, sondern auch 
eine Wundertheorie. Begreiflich, daß Kant ihr spitzigen Spott zuteil 
werden läßt. Sie gehört augenscheinlich zur Gruppe jener allgemeinen 
,,Lehren“, von denen man die Begriffsbestimmung wohl in Schrift¬ 
zeichen niederschreiben oder in Sprachlauten aussprechen kann, 
ohne mit diesem Tun einen Sinn verbinden zu können. Auch der 
dualistisch-parallelistische Substantialismus gibt sich den Anschein 
einer philosophischen Theorie. Wie wenig er das ist, zeigt bereits 
die vollständige Begriffsleere oder Unbegrifflichkeit in der Definition 
dieser Theorie. (Ebenso steht es, um noch ein Beispiel anzuführen, 
mit der Definition, die vom Naturalismus bzw. Materialismus ge¬
	        

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