Full text: Grundlegung der Dialektik

7. Dialektizismus — Identitätssystem — Parallelismus 
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tiefste Schicht ihrer „Wahrheit“ einzudringen, als Norm, als Auf¬ 
gabe, d. h. eben als Idee zu verstehen und demgemäß zu verwenden. 
Nicht nichtssagende Einheit, nicht problemleere oder problem¬ 
vernichtende Übereinstimmung von Sein und Idee, von Wirklich¬ 
keit und Wahrheit, sondern ein gegenseitiges Einanderfordern, Ein¬ 
andernotwendigsein, ein wechselweises Aufeinander- und Gegen¬ 
einanderdrücken, eine gegensatzträchtige Einheit, die in immer 
neuen Reibungen und Konflikten bezeugt, daß ihre Pole nicht von¬ 
einander loskommen und dennoch auch nicht in graue Vereinerlei- 
ung verschmelzen, das ist diejenige Einheitsidee, die der dialek¬ 
tische Idealismus, die der ethische Dialektizismus als seine schöpfe¬ 
rische Voraussetzung in sich trägt. 
Wie aber dieser Dialektizismus sich von dem Monismus der 
Identitätsphilosophie unterscheidet, so unterscheidet er sich nicht 
weniger stark von einer dritten Auffassungsweise bezüglich des Ver¬ 
hältnisses von Sein und Denken. Das ist die sogenannte Parallelis¬ 
mustheorie, auch wohl Präformationssystem (Crusius) oder Theorie 
der prästabilierten Harmonie genannt. Nach ihr sind Sein (Realitas) 
und Denken (Cogitatio) zwei selbständige Substanzen oder jedenfalls 
zwei selbständige Wesensseiten einer Grundsubstanz, die in der 
Form eines harmonistischen Parallelismus einander zugeordnet, 
besser einander nebengeordnet sind. Diese Auffassung sucht die 
auf der Hand liegenden Schwierigkeiten bzw. Unhaltbarkeiten der 
Identitätshypothese, von denen oben einige Punkte angedeutet 
wurden, zu vermeiden. Sie gewahrt und beachtet die Verschieden¬ 
heit, die Diskrepanz von Denken und Sein. Aber in ihrem berech¬ 
tigten Bestreben, die Haltlosigkeit des Monismus zu umgehen, 
verfällt sie der nicht weniger argen Unmöglichkeit des Dualismus, 
keiner geringeren Seltsamkeit als der Monismus. Nun bemerkt der 
parallelistische Dualismus natürlich die unschwer wahrzunehmende 
Gefahr eines beziehungs- und brückenlosen Auseinanderfallens der 
beiden Substanzen Denken und Sein. Die Gefahr ist damit gegeben, 
daß diese beiden Substanzen den Charakter von selbständigen 
Wesenheiten besitzen sollen. Die in dieser Auffassung zutage 
tretende ungeheure, eigentlich unbehebbare Schwierigkeit liegt 
nicht in der unkritischen Verdinglichung des Denkens zu einer 
,,Substanz“, sondern in der Erklärung der metaphysischen Selb¬ 
ständigkeit und der ontologischen Autonomie dieser beiden Sub¬ 
stanzen. Werden in ihnen solche absolut selbständigen Wesen¬
	        

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