Full text: Grundlegung der Dialektik

5. Das religiöse Motiv 
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solche Preisgabe ihrer Selbständigkeit kann der Philosophie gar 
nicht angesonnen werden; denn eine derartige Zumutung würde das 
grundsätzliche Verkennen desjenigen Grundprinzips zur Voraus¬ 
setzung haben, auf dem die Metaphysik ihrer Möglichkeit nach sich 
stützt. 
Dieses Grundprinzip ist die Dialektik der Vernunft in dem durch¬ 
aus positiven, aufbauend-systematischen Sinne dieses Begriffs. Wir 
werden in den nun folgenden Kapiteln, die der Darstellung des 
dialektischen Idealismus gewidmet sind, das Wesen und die 
Funktionsweise, die Hauptformen und die Hauptobjektivationen 
der Dialektik genau kennenlernen. An der vorliegenden Stelle 
obliegt es uns nur, zu erwägen, wie dieses Prinzip sich gegenüber der 
Erlösungsidee in der Metaphysik auswirkt. Indem wir die Eigen¬ 
tümlichkeit der metaphysisch-dialektischen Behandlung der Er¬ 
lösung kennzeichnen, unterscheiden wir sie von derjenigen Behand¬ 
lung, die dem Erlösungsgedanken durch die Religion zuteil wird. 
Die gesuchte Kennzeichnung ist nicht schwer zu finden. So leb¬ 
haft die Wirksamkeit des moralischen und besonders des religiösen 
Motivs in der Metaphysik auch ist, sie bleibt doch immer in die mehr 
oder minder starken Netze einer auch rationalen und ästhetischen 
Geisteshaltung eingeschlossen. Sie kann sich, ja sie darf sich von 
der Kruste der Intellektualität nicht ganz frei machen, oder aber 
sie würde den Charakter der Wissenschaftlichkeit völlig preisgeben 
und, wie gesagt, vor der Religion kapitulieren. Denn es gehört, wie 
sich immer wieder zeigt, zu der Dialektik der Metaphysik, daß in ihr 
kein Begriff eine restlose Eindeutigkeit und strukturelle Einhellig¬ 
keit besitzt, daß er Begriff und zugleich Wesenhaftigkeit, Gedank- 
lichkeit und zugleich noch andere Formen der geistigen Wirklichkeit 
umfaßt. 
Deshalb ist in der Metaphysik auch die Idee der Erlösung von 
allen Aporien der Dialektik bedrängt, von tausend dialektischen 
Lichtern umspielt und umzuckt. Eine reine und restlose Erfüllung 
derjenigen Hoffnungen und Forderungen, die in diesem Gedanken 
lebendig sind, und aus denen er hervorgeht, ist ihr niemals erreich¬ 
bar. Eine solche Leistung bleibt ihr verwehrt und muß ihr verwehrt 
bleiben auf Grund des kritisch-rationalen Einschlages und des 
intellektuell-theoretischen Gehaltes, die einen unentbehrlichen kon¬ 
stitutiven und apriorischen Bestandteil in der Systematik der Meta¬ 
physik bilden. Dürfte ein etwas starkes Wort zur Kennzeichnung 
der Wesensart der metaphysischen Begriffe gebraucht werden, so
	        
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