Full text: Grundlegung der Dialektik

5. Das religiöse Motiv 
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denen sie stehen und wirken, versteht, sondern sie aus ihrer meta¬ 
physischen Abhängigkeit von dem Absoluten her begreift. Auf 
diese Weise bekommen die empirischen Gegebenheiten 
einen neuen Charakter. Sie sind eben nur „Erscheinungen“, 
durch die das Absolute hindurchblickt und hindurchwirkt. Auf diese 
Weise wird der Erscheinungswelt ihre schwere Kausalität genom¬ 
men, sie weist auf ein Höheres hin und dient diesem Höheren. 
Alle Auseinandersetzungen und Berührungen des Menschen mit 
der Welt sind mitbestimmt durch diejenige Auffassungs- und 
Deutungsweise, der wir die Erscheinungen unterwerfen, und die die 
Grundlage für unser praktisches Handeln, für seinen Sinn und für 
seine Erfolge, abgibt. In jedem Zuge unseres Tuns steckt eine in den 
meisten Fällen unbewußte, aber ganz unentbehrliche Interpretation 
der Wirklichkeit. Doch dürfen wir diesen Akt unwillkürlicher Aus¬ 
legung und Deutung keineswegs als eine Bewußtseinshaltung an- 
sehen, die auf den Kreis einer bloß begrifflich gültigen Erkundung 
beschränkt wäre. Es würde eine eigene Untersuchung erfordern, 
sollte der Anteil klargestellt werden, der solchen Beobachtungen, die 
scheinbar nur theoretischer Natur sind, auf unser Verhalten zum 
Leben und im Leben zukommt. Ganz im Sinne Kants scheint auch 
uns die Trennung von Theorie und Praxis weder begrifflich möglich 
noch moralisch zulässig zu sein. 
b. Die Umdeutung des Erscheinungsbegriffs. 
Alles das gilt auch für unseren Fall. Die Metaphysik ist, wie wir 
nicht oft genug angeben können, zwar eine theoretische, doch zu¬ 
gleich eine mehr als theoretische Geisteshaltung und Bewußtseins¬ 
richtung. Daß in diesem höchst eigenartigen Umstand einer ihrer 
dialektischen Züge hervortritt, ist gleichfalls in diesen Zeilen wieder¬ 
holt dargelegt worden. Begründet ist jene eigenartige Energie, die 
aus der Metaphysik hervorbricht, durch die entscheidende Mit¬ 
wirkung besonders des moralischen und des religiösen Motivs. Und 
diese Mitwirkung findet nun in der nicht genug zu beachtenden 
Umbildung, die der Begriff der,, Erscheinung“ in der Meta¬ 
physik erfährt, ihren offenkundigen Beleg. In dem merkwürdigen 
Prozeß der religiösen Umdeutung, der analog dem Bewertungsprozeß 
der Erscheinungen durch das moralische Motiv ist, büßt die Welt 
der Erfahrung ihre Eigenmacht ein; sie verliert diejenige Abge¬ 
schlossenheit ihres Gehaltes, die sie bei einer rein positivistischen
	        

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