Full text: Grundlegung der Dialektik

148 
II. Von der Pflicht zur Metaphysik 
urteile zu untersuchen, in denen sich unser Wissen von der Religion, 
von ihrem Wesen und ihrer Geschichte logisch ausdrückt. Eine 
solche Untersuchung wäre mit anderen Worten ein Teil der all¬ 
gemeinen Erkenntnistheorie. Seine Absicht läßt sich am besten in 
die Frage kleiden „Wie ist Religionswissenschaft als solche, nämlich 
als Wissenschaft, überhaupt möglich?“ Der Ausbau der allgemeinen 
Erkenntnistheorie über die Grundlegung der Mathematik und der 
mathematischen Naturwissenschaften und die Biologie hinaus in 
der Richtung auf die „Kritik der Geisteswissenschaften“ hat nun 
auch eindringende Arbeiten gebracht, die der Behandlung jener 
Frage gelten1). In einem umfassendenSystem der Religionsphilosophie 
würde die Erkenntnistheorie der Religionswissenschaft eines der 
wichtigsten, weil grundlegenden Kapitel darstellen. 
Doch in dem Zusammenhang, der uns gegenwärtig beschäftigt, 
haben wir ein anderes Verhältnis als dasjenige der angedeuteten 
erkenntnistheoretischen Natur im Auge. Und dieses Verhältnis, das 
Metaphysik und Religion in einen viel innigeren und wesenhafteren 
Zusammenhang miteinander setzt als das erkenntnistheoretische, 
gründet sich nun auf der überaus starken und immer wieder durch¬ 
brechenden Wirksamkeit des religiösen Motivs in der Meta¬ 
physik und auf der nicht schwächeren Wirksamkeit des 
rationalen Motivs in der Religion. Hier begegnen wir nun 
wieder einer dialektischen Wechselverflechtung zwischen diesen 
beiden Gebieten. 
Was zunächst das rationale Motiv in der Religion betrifft, so ist 
seine Funktion sehr leicht durch den Hinweis darauf zu verdeut¬ 
lichen, daß die Religion doch gleichfalls eine Art von Erkenntnis 
bedeutet. Es ist zweifellos eine Einschränkung ihres Begriffes und 
ihres Wesens, sie ganz und gar der Mystik gleichzusetzen. Sie ist 
auch Wissenschaft vom Absoluten und zugleich wissenschaftliche Er¬ 
kundung der Beziehung der Erscheinungswelt zu diesem Absoluten. 
Auch ihre Erkenntnisart unterscheidet sich, gleich derjenigen der 
Metaphysik, von der naturwissenschaftlichen und geisteswissen¬ 
schaftlichen Form der Erkenntnis dadurch, daß sie die Erschei¬ 
nungen ebenfalls ihrer Endgültigkeit und Positivität entkleidet und 
nicht aus der Tatsächlichkeit der empirischen Zusammenhänge, in 
*) Vgl. die förderlichen Untersuchungen von Georg Wobbermin, z. B. 
„Religionsphilosophie als theologische Aufgabe“, Kant-Studien Band XXXI11, 
1928, Heft 1—2, S. 200 ff., auch die einschlägigen Kapitel in Wobbermins 
„Wesen und Wahrheit des Christentums“ 1925.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.