Full text: Grundlegung der Dialektik

3. Das moralische Motiv 
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gewinnen. Sollte Plato, der Gründer der Dialektik, ihr unter allen 
Wissensformen und Wissenszweigen nicht deshalb die Palme ge¬ 
reicht haben, weil sie eine der gedanklichen Grundlagen und An¬ 
triebe für die Erreichung der Geisteshaltung der Freiheit 
abgibt und uns darum seelisch und moralisch in den Stand setzt, 
bei dem Zusammenstoß mit der Wirklichkeit unsere Autonomie 
nicht einzubüßen? 
Doch auch die deutschen Metaphysiker, an ihrer Spitze Kant 
und Fichte, und ihnen wäre als ein Gesinnungsgenosse in dieser 
Hinsicht Rudolf Eucken beizuzählen, billigen der Metaphysik diese 
moralische und erzieherische Aufgabe und Pflicht zu, ja sie fordern 
von ihr die Berücksichtigung einer solchen Aufgabe und die be¬ 
gründete Weisung von Wegen zur Erfüllung einer solchen „Be¬ 
stimmung“. Die Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Leistung war 
für die deutschen Metaphysiker selber nicht die letzte Veranlassung, 
Metaphysik zu treiben und ihr ein mehr als theoretisches Interesse 
zu widmen. Sie beschäftigen sich mit der Metaphysik und empfehlen 
diese Beschäftigung nicht im Sinne einer bloßen Theorie der Weis¬ 
heit, deren wesentliches Ergebnis in einer weisen Zurückhaltung 
gegenüber dem Leben liegen würde. Sie geben sich ihr hin, 
um die gesicherte Voraussetzung für eine von Weisheit 
getragene Lebensaktivität zu schaffen, ganz gleich, welchen 
Gebieten der Kultur diese Aktivität in der Gestalt fördernder Ein¬ 
sicht bzw. in der Energie zu praktischen Reformen zugute kommen 
mag.- 
Wie vieles wäre noch über diese Leistung der Metaphysik zu 
sagen, die sich als der seelisch und moralisch überzeugendste Beleg 
für die Kraft und die Tragweite des moralischen Motivs darstellt! 
Seine Kraft ist es, auf Grund deren der Metaphysik nichts Ge¬ 
ringeres als die Bedeutung einer Mission für unser Leben 
und für die geschichtliche Kultur zuerkannt werden muß. 
Doch ist für das Verständnis und für die Durchführung dieser Mission 
die höchst eigentümliche Wendung und Veränderung nicht zu ver¬ 
gessen, die von seiten der Metaphysik mit dem Begriff und dem 
Wesen der Erscheinung vorgenommen wird. Indem die moralische 
Kraft der Metaphysik den Zusammenhang der Erscheinungen auf 
den Hintergrund eines ihnen überlegenen und allmächtigen Sinnes 
und Wertes aufträgt, ihn von diesem Sinn aus deutet und ver¬ 
teidigt, lockert und mindert sie seinen Druck und seine Schwere. 
Sie schafft auf diese Weise unserer metaphysischen Sehnsucht die
	        
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