Full text: Grundlegung der Dialektik

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II. Von der Pflicht zur Metaphysik 
das sich daher seine Mehr-als-Rationalität und Überkausalität nicht 
kürzen oder rauben lassen will, wehrt sich die Freiheit ebensosehr, 
wie sich der Mensch gegen seine Verendlichung und gegen die Ein¬ 
sperrung seines Daseins in die endlichen und diesseitigen Zusammen¬ 
hänge auflehnt. Er befürchtet, gegen den Sinn seines Seins zu ver¬ 
stoßen und sein Allerheiligstes zu entweihen, wenn er nicht der 
Pflicht eingedenk und treu bleibt, die darin sich ausspricht, das 
ewige ,,Du sollst“ in seiner Brust nicht zu schänden. Mit welchem 
unablässigen Bemühen und mit welchem durchschlagenden Erfolge 
haben seit Beginn der Neuzeit alle positiven Wissenschaften im Verein 
daran gearbeitet, uns die Überzeugung unserer Abhängigkeit von 
den naturhaften und den geschichtlichen Wirkungszusammenhängen 
nahezubringen und diese Überzeugung zu festigen. Haben sie uns 
dadurch aber nicht vor uns selber in unserem Gefühl und in unserem 
Urteil verendlicht und den fatalistischen und fatalen Glauben ge¬ 
stärkt, daß wir mit allem, was wir sind und haben, nur ein ab¬ 
hängiges Glied und ein ohnmächtiger Kreuzungspunkt allgemeiner 
Geschehnisse bedeuten? Die seelischen Auswirkungen, die sich aus 
der Entstehung und Vertiefung dieses Glaubens ergeben mußten 
und ergeben haben, wollen wir an der vorliegenden Stelle nicht 
schildern, so wertvoll eine solche Ausmalung für den Zweck der 
Selbsterkenntnis des modernen Menschen auch sein würde. 
e. Die sittliche Aufgabe und Leistung der Metaphysik. 
In unserem Zusammenhang nämlich beschäftigt uns vor allem 
die Frage, welche Instanz uns zu dem Glauben, den wir nicht ent¬ 
behren können, verhilft, daß wir doch eben mehr als solche ab¬ 
hängigen Glieder und soziologischen Kreuzungspunkte darstellen. 
Hier setzt nun, neben der Macht der Religion, die Meta¬ 
physik ein. Und sie tut es kraft des moralischen Motivs. 
Die gedankliche Voraussetzung für diese unabweisbar erforderliche 
und ungeheuer eingreifende Lebenswendung ist nun jene freie 
Wertung des ganzen menschlichen Daseins und aller Erscheinungen, 
von der wir hier sprechen. Wie aus der Durchsetzung des intellek¬ 
tuellen Motivs der Gewinn einer umfassenden Welterkenntnis 
hervorgeht, so folgt aus der Erfüllung des moralischen Antriebes 
zur Metaphysik der Gewinn einer umfassenden Weltbewertung. 
Eine solche Bewertung ist, weil sie zu den ursprünglichen Be¬ 
tätigungen des menschlichen Geistes gehört, nur möglich auf der
	        

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