Full text: Grundlegung der Dialektik

126 
II. Von der Pflicht zur Metaphysik 
Rationale aus einer anderen, jenseits seiner selbst liegenden Quelle 
abzuleiten, um ihm dadurch die endgültige Sanktion zu erteilen. 
Nun herrscht unter den Metaphysikern Unstimmigkeit darüber, 
welches dieses grundlegende Motiv und Prinzip sei. Eine klassische 
und in sich verhältnismäßig einheitliche Antwortreihe, die sich durch 
die ganze Geschichte der Metaphysik hindurchzieht, bestimmt dieses 
Motiv und Prinzip als das Gute, als das Sittliche. Auf diese Weise 
wird der Intellektualismus und Rationalismus durch einen Moralis¬ 
mus gestützt, und man pflegt diejenige metaphysische Richtung, 
die das Gute als das Weltprinzip schlechthin wertet, als ethischen 
und normativen Idealismus zu bezeichnen. Zu ihm bekennen sich, 
um nur einige seiner Hauptvertreter anzugeben, Platon und Kant, 
Fichte und Lotze. Der ganze Unterschied zwischen ihnen besteht 
lediglich in der verschiedenen Bestimmung des Grades der Korre¬ 
lation, die nach ihnen zwischen dem Rationalen oder, um sogleich jene 
Hauptausprägung zu nennen, in der sich sein Begriff eigentlich 
verkörpert, zwischen der Wahrheit auf der einen Seite und dem 
Guten auf der anderen obwaltet. Bei Platon scheint diese Korre¬ 
lation gesteigert oder, was sich mit dem gleichen Rechte sagen läßt, 
gemildert bis zur Gleichsetzung des Wahren mit dem Guten. Eine 
eindeutige Klarstellung und Entscheidung der von ihm gehegten 
Auffassung wird sich meines Erachtens nicht treffen lassen. Ist nach 
ihm die Wahrheit als Wahrheit auch das Gute und das Gute als das 
Gute auch die Wahrheit? Oder sind beide so unaufhebbar auf¬ 
einander bezogen, daß die eine Idee mit der anderen dialektisch mit¬ 
gesetzt ist? Ist bei ihm und nach ihm diese dialektische Wechsel¬ 
beziehung eine rein logische Tat und nichts als der Ausdruck einer 
logisch-mathematischen Setzung? Etwa so, wie der Begriff der 
geraden Linie den Begriff der krummen mitbedingt? Platon be¬ 
dient sich, um das Verhältnis zwischen dem Wahren und dem Guten 
zu kennzeichnen, nicht selten mathematischer Analogien. Sind die¬ 
selben mehr als bloße Vergleiche, um die Schwierigkeit und Dunkel¬ 
heit einer Beziehung, die an sich der logischen Verdeutlichung 
widerstrebt, durch die dem Philosophen immer willkommene mathe¬ 
matische Klärung zu erhellen? Oder bleibt in jener Beziehung eben 
darum ein letztes Dunkel, weil sie auf Grund der stets geheimnis¬ 
vollen Dialektik geschaffen ist? Der Gleichwertung und der Gleich¬ 
setzung des Guten mit der Wahrheit, die bisweilen unumwunden 
ausgesprochen werden, stehen Entscheidungen gegenüber, nach 
denen das Gute mit der Sonne verglichen wird: Wie die Sonne durch
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.