Full text: Grundlegung der Dialektik

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II. Von der Pflicht zur Metaphysik 
rationaler Wesensbezüge; sie ist die Objektivation und Objektivität 
eines rechnerischen Vorganges im absoluten Geiste, der kraft seiner 
absoluten Macht dem formalen mathematischen Prozeß, indem er 
ihn denkt, zugleich Wirklichkeit und Wesenhaftigkeit, Essentialität 
und Existenzialität verleiht. Es gehört zu den Urparadoxien im 
Wesen des absoluten Geistes, daß seine Allmacht darin eine Schranke 
besitzt, nicht jene Zurückhaltung üben zu können oder jene Be¬ 
grenztheit zu besitzen, die dem menschlichen Geiste eigen sind. 
Der menschliche Geist kann nicht alles verwirklichen, was er plant 
und will. Bei ihm waltet zwischen Idee und Ausführung eine furcht¬ 
bar-fruchtbare Spannung. Der absolute Geist hingegen kann gar 
nicht anders, als mit dem begrifflichen Vorgang und mit dem Be¬ 
griff auch ihre reale Wesenhaftigkeit zu setzen. Besser ausgedrückt: 
Die von der Kraft des absoluten Geistes gedachten Begriffe sind nicht 
bloße Gedankenformen, was sie innerhalb der eingeschränkten 
Aktivität und Zuständigkeit des menschlichen Geistes bleiben, 
sondern sie sind Gedanke und Ding in eins, sie sind Gedankendinge. 
Wie von einer tragischen Ironie ist der absolute Geist dadurch um¬ 
wittert, daß es ihm nicht möglich und vergönnt ist, die Gedanken 
nur als reine Gedanken zu erzeugen und säe als solche zu bewahren; 
sie realisieren sich ihm vielmehr unter den Händen. Gott denkt, 
Gott spricht, und es wird, es geschieht, wie die Bibel sagt. Das ist 
die Dialektik des absoluten göttlichen Logos. Oder wie Spinoza 
lehrt: Es gehört zum Wesen der absoluten Substanz, daß ihr Begriff 
ihr Sein einschließt. 
Von dem Standpunkt des metaphysischen, d. h. absoluten 
Rationalismus ist diese Dialektik nicht fernzuhalten, die sich in den 
Gedanken und in der Wirklichkeit der unaufhebbaren Korrelation 
eben von Gedanken und Wirklichkeit ausprägt. Wo im Umkreis 
und unter der Herrschaft dieses Standpunktes ein Begriff gedacht 
wird, da ist seine Ontologisierung schlechthin unvermeidlich. Diese 
Dialektik ist die Größe und Eigenart, aber auch das Schicksal und 
die Bedenklichkeit, die diesem Standpunkte innewohnen. 
Und von ihr aus ist der Metaphysik überhaupt jene unabstreif- 
bare und unabweisbare dialektische Zwei- oder Mehrdeutigkeit 
innerlichst beigesellt, die darin besteht, daß die Metaphysik doch 
nur in der Form des Gedankens spricht und dabei eine Realität 
meint oder sogar eine Realität erfaßt zu haben glaubt. Die Metaphysik 
weist, während sie zunächst nur einen Begriffszusammenhang ent¬ 
wickelt, damit bereits auf einen realen, in objektiven Kausalitäten sich
	        
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