Full text: Die Baukunst der Renaissance in Italien

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endlich an der echten römischen Formenbildung ersättigen, nachdem 
sie bis dahin eine Renaissance mehr auf Hörensagen gehabt. 
Die Wirkung ist so schön, daß Sansovino auch für gewisse Frei¬ 
heiten Recht behält, z. B. für die Vergrößerung der Metopen auf Ko¬ 
sten des Durchmessers der Triglyphen und des Architravs. 
Der berühmte Streit über die Ecke § 29. Sansovino traf das einzig 
Richtige. Die feinem Freiheiten des echten Griechisch-Dorischen 
- gleichviel ob sie optischen oder konstruktiven Ursprunges seien - 
wozu auch das Vorrücken der letzten Triglyphe auf die Ecke gehört, 
finden auf eine bloße Bekleidungsordnung, die ihrer Pfeilerhalle ge¬ 
horchen muß, gar keine Anwendung; hier gehört die Triglyphe auf 
die Mitte ihrer Stütze, ob sie die letzte sei oder nicht und ob Vitruv 
etwas von Halbmetopen berichte oder nicht. Sansovino brauchte min¬ 
destens den Raum einer halben Metope, wegen der unvermeidlichen 
Stärke seines mit Pilastern bekleideten Eckpfeilers, und bog also seine 
Metope in der Mitte um die Ecke. Vitruv hatte wohl mit seinen Semi¬ 
metopia nur irgendein Segment einer Metope überhaupt gemeint; die 
fanatischen Vitruvianer aber, welche Sansovino umringten, gaben sich 
glücklicherweise mit seiner buchstäblichen Deutung zufrieden. 
§ 54 
Vermehrung der Kontraste 
In dieser Periode geschieht es häufiger, daß man statt der Pilaster¬ 
ordnungen Halbsäulen, und zwar stark vortretend, ja verdoppelt an¬ 
wendet, und zwar über einem Erdgeschoß in Rustica. 
Raffaels Pal. Vidoni-Caffarelli in Rom, Pal. Uguccioni in Florenz. 
Vgl. Michelangelos Entwurf für die Fassade von S. Lorenzo, § 37). 
An einigen Palastfronten wird schon eine ganze Fülle von Kontrasten 
um des hohem Reizes willen zusammengestellt. Die dazwischen befind¬ 
lichen Flächen beginnen der einfachen Übermörtelung anheimzufallen 
(S 56). 
S. unten § 96 bei Anlaß der Paläste. Schon Raffael gibt zu den kräf¬ 
tigsten Fensterformen (§51) und den doppelten Halbsäulen gerne das 
eben erwähnte Erdgeschoß von derber Rustica, läßt auch schon Fen¬ 
ster mit Nischen (§51) und mit eigentümlich eingerahmten quadrati¬ 
schen Feldern abwechseln usw. 
Die Rustica jetzt überhaupt mit sehr geschärftem Bewußtsein ihrer 
Wirkung angewandt, häufig vermischt mit den Formen der dorischen 
und der toscanischen Ordnung. 
Vorzüglich in Rom wird mit der Rustica an Erdgeschossen, welche 
Kaufladen enthalten und daher des eigentlichen Schmuckes ledig sein 
sollten, mehr als Eine Neuerung versucht: quadratische Fenster, hori-
	        

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