Full text: Die Baukunst der Renaissance in Italien

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§ 34 
Das Verhältnis %u den Zierformen 
Anfangs schied man nicht, was der guten oder der gesunkenen Römer¬ 
zeit, was Gebäuden höchsten Ranges oder bloßen Verkehrsbauten usw. 
angehörte; auch vergrößerte und verkleinerte man nach Belieben das für 
einen bestimmten Maßstab Geschaffene. 
Ein in Fiesoie gefundenes wunderliches ionisches Kapitell wird von 
Giuliano Sangallo zum durchgehenden Muster genommen für die Ko¬ 
lonnade des Hofes von S. M. Maddalena de’ Pazzi in Florenz; Vasari 
VII, p. 211, v. di Giul. Sangallo. Vieles dergleichen namentlich in den 
Kranzgesimsen, s. unten. Formen des römischen Dekorationsstiles, 
von Altären, Sarkophagen, Kandelabern usw. wurden anfangs in die 
Architektur verschleppt. 
Eine größere Gefahr lag in der plötzlichen und sehr hohen Wert¬ 
schätzung der klassischen Zierformen. Daß dieselben nicht die Archi¬ 
tektur überwucherten, verdankt man einzig den großartigen Bauabsich¬ 
ten und der hohen Mäßigung der Florentiner. 
Man erwäge die allgemeine Zierlust und Prachtliebe des 15. Jahr¬ 
hunderts, die rasch wachsende Zahl behender Dekoratoren und die 
Hingebung der großen Florentiner selbst an die Dekoration, sobald 
es ihnen die strenge Kunst erlaubte. 
Michelozzo meißelte selber Kapitelle, wenn ihn der Eifer ergriff; so 
z. B. für eine Tür im Signorenpalast zu Florenz; Vasari III, p. 275, v. 
di Michelo^po. Schön gearbeitete Kapitelle führten bisweilen zu gro¬ 
ßem Aufträgen; Andrea Sansovino bekam daraufhin die Durchgangs¬ 
halle zwischen Sakristei und Kirche in S. Spirito zu bauen; Vasari VIII, 
p. 121, v. di Cronaca, und p. 162, v. di A. Sansovino. 
In der Theorie weist z. B. um 1500 der Neapolitaner Gioviano Pon- 
tano (§9) dem Ornament die erste Stelle an und gestattet selbst dessen 
Übertreibung: et in ornatu quidem, cum hic maxi me opus co mm endet, modum 
excessisse etiam laudabile est; - der Florentiner Alberti dagegen, der es 
in seinen Bauten liebte, weist ihm doch in seinem Lehrbuch schon 
50 Jahre früher einen nur sekundären Rang an. L. VI, c. 2: Die Schön¬ 
heit liege in einer solchen Harmonie aller Teile, die bei jedem Hin¬ 
zufügen oder Weglassen verlieren würde; weil es aber tatsächlich noch 
immer scheine, als müsse etwas hinzugefügt oder weggelassen wer¬ 
den, und doch das Vollkommnere schwer anzugeben sei, so habe man 
die Zierformen eingeführt, als eine subsidiaria lux, als complementum der 
Schönheit. Letztere müsse dem Ganzen eingeboren sein und es durch¬ 
strömen, während das Ornament die Natur von etwas äußerlich An¬ 
geheftetem behalte. L. IX, c. 8 s. nochmalige Ermahnung, den Schmuck 
zu mäßigen und weise abzustufen.
	        

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