Full text: Der Mensch und die Welt

Die Unsterblichkeitsfrage 
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Ich wage es zu sagen, daß nur für den, der Unsterblich¬ 
keit in irgendeiner Form annimmt — für den Philosophen 
wird das natürlich keine kindliche Form sein —, daß nur 
für den sein sittliches Bewußtsein wirklich eindringlich 
sein kann. 
Nicht daß er an „Lohn“ denken sollte; dieser Ge¬ 
danke würfe Sittlichkeit als solche zu Boden. Aber 
an Gerechtigkeit darf er denken; und er darf 
auch daran denken, Freude zu machen einem höchsten 
Urgründe, den er in seiner Erhabenheit liebt. Aber 
das alles kann er nur im Gedanken an sein Beharren, 
in dem Gedanken, daß er in diesem Urgründe geborgen 
ist, und daß der Urgrund ihm gegenüber nicht gleich¬ 
sam ein Fremder ist, der seinen Schabernack und sein 
Spiel mit ihm treibt. 
Was ginge mich ein Urgrund alles Seins eigentlich an, 
in dessen Rahmen ich eine ganz sporadische Erscheinung 
wäre; und nicht nur ich, sondern „alle“? Alles wird 
gleichgültig unter solchem Gesichtspunkt: „Genießen“ wir 
also das Leben — mit ein bißchen vorsichtiger „Sittlich¬ 
keit“, über die wir innerlich lachen. 
Manche sind hier ja heute ganz offen — sie sind wenig¬ 
stens konsequent und sind angenehmer als solche, die sich 
geben, als glaubten sie an irgend etwas „Religiöses“, an 
das sie tatsächlich nicht glauben. 
Eben weil nun Sittlichkeit ihre Eindringlichkeit 
nur aus bestimmten metaphysischen Überzeugungen ge¬ 
winnen kann, ist alles Streben unserer Tage, das sich auf 
den wissenschaftlichen, d. h. wissensmäßigen Nachweis 
von Unsterblichkeit richtet, so ungeheuer bedeutsam. Du 
darfst „glauben“, denn du weißt wenigstens etwas — 
das wird uns hier gesagt. Und das eben gibt uns eine ganz 
andere Einstellung zur Welt. Wir sind nicht nur Bürger 
dieser Welt, sind nicht nur „irdisch“. Das irdische 
Leben ist für uns nur Durchgang, nur Phase. Eine Phase, 
deren Notwendigkeit im Plane der Welt wir zwar nicht 
verstehen, die wir aber als ein Bewährungsfeld ansehen 
dürfen. 
9 Driesch, Der Mensch und die Welt
	        
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