Full text: Der Mensch und die Welt

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Die Unsterblichkeitsfrage 
bestimmte metaphysische Lehre, nämlich die von der Un¬ 
sterblichkeit, von einer ganz grundlegenden Bedeutung 
für das ist, was ich die Eindringlichkeit des sittlichen 
Bewußtseins für seinen Besitzer nennen möchte. 
Gewiß, es bleibt dabei: das Gewissen ist in ursprüng¬ 
licher Form da, ich „kann ihm nicht entrinnen“. Aber — 
könnte diese Ursprünglichkeit und Unentrinnbarkeit nicht 
eine Illusion sein; könnte es nicht sein, daß sie mir bloß 
vom „Leben“ eingepflanzt ist, weil „Leben“ ohne sie nicht 
bestehen könnte? Dann wäre sie bloß nützlich für das 
Leben im untersten Sinne, so wie etwa die Darwinisten 
sich das denken, und hätte nichts zu tun mit einem 
Weltenplan. 
Wenn dem so wäre, ja, dann wäre es doch wohl um das 
eigentlich „sittliche“ Wesen des sittlichen Bewußtseins 
geschehen. Ich lebe, aber ich werde sterben. Heißt sterben 
ausgelöscht werden — zunächst meiner selbst als einer 
Person, einst aber, wenn die Erde erkaltet oder vernichtet 
sein wird, aller Menschen — dann ist es im tiefsten 
Grunde doch eigentlich gleichgültig, ob ich sittlich han¬ 
dele oder nicht. Denn das Leben ist dann im tief¬ 
sten Grunde gleichgültig; es ist ein Spiel recht zweifel¬ 
haften Charakters. Mache ich also das aus meinem Leben, 
was es mir am wenigsten unangenehm macht. Zum 
Teufel mit dieser Illusion „Sittlichkeit“! Ich habe den 
Betrug, durch den sie mir eingepflanzt wurde, ja durch¬ 
schaut. „Praktische Lebensklugheit“ allein bleibt übrig, 
und ich handele „sittlich“ nur, weil es mir ja sonst bis¬ 
weilen recht übel ergehen könnte. 
Viele, meine ich, denken heute, unter dem Einfluß ma¬ 
terialistischer Lehren, so, wenn sie es auch nicht gerne 
sagen; denn das wäre „gefährlich“. Aber die so stark 
irdisch gerichtete Neigung unserer Zeit, alles Machtstreben 
an ihr, sei es persönlich oder nationalpolitisch geformt, ist 
anders gar nicht verständlich: Machthewußtsein be¬ 
rauscht, ist angenehm; geben wir uns ihm also hin, aber 
vorsichtig und immer unter dem Mäntelchen von so ein 
bißchen Sittlichkeit, die in Wahrheit keine ist!
	        
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