Schau des „Guten“ die analysierende Reflexion darüber,
was gut eigentlich heißt.
Wir haben oben gesagt, das Wissen um dreidimensionalen
Raum überhaupt und um die in ihm zum Ausdruck kom¬
menden „Axiome“ lassen sich wohl dem Kantischen Begriff
der reinen Anschauung zuordnen. Es lassen sich nun die
Axiome selbst einem anderen Begriff der Philosophie Kants
zuordnen, nämlich dem Begriff des „synthetischen Urteils
a priori“. Es liegt nicht in dem Subjekts-Begriff „Die
Gerade“, daß von ihr das Prädikat „ist die kürzeste" gilt;
und das ist doch ganz sicher. Ich würde zwar den vor¬
liegenden Sachverhalt einfacher ausdrücken und sagen:
im Rahmen der Geometrie weiß ich ohne „Empirie“ in
Endgültigkeit über die notwendige Zusammengehörig¬
keit gewisse Eigentümlichkeiten, ohne daß doch dieses
absolut sichere („apodiktische“) Wissen lediglich auf dem
Satze vom Widerspruche ruht. Denn daß mein Wissen in
die Form eines Urteils („.5' ist Z3“) gebracht werden kann,
ist offenbar eine Nebensache.
Wir müssen uns nun zwei sehr wichtigen besonderen
Fragen zuwenden; erstens müssen wir das ,,gesehene“
Neben vom „rein angeschauten“ oder, schlicht gesagt,
„gehabten“ Neben trennen, zweitens müssen wir uns fragen,
wie sich denn das allgemein rein angeschaute Neben zu
dem Raum der Natur stelle.
Der gesehene Raum, bei dem, wie gesagt, nur zwei
Dimensionen in Frage kommen, ist etwas ganz anderes als
der allgemeine „gehabte“ oder rein angeschaute Raum.
Im gesehenen Raum laufen Parallelen aufeinander zu,
wie jeder feststellen kann, der sich Eisenbahnschienen
näher betrachtet. Das Parallelenaxiom wird also mit abso¬
luter Evidenz auf Grund „reiner Anschauung“ ausgesprochen
dem Zeugnis des Gesichtsinnes entgegen! Wer das
nicht begreift, hat den Begriff der „reinen Anschauung“,
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