Full text: Philosophische Gegenwartsfragen

Rationalität und ihr Gegensatz, 
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Die neuesten Phänomenologen machen den ungeheuren, 
die Philosophie ins Chaos treibenden Fehler, das „Kontin¬ 
gente“, das Einmalige meiner Welt als da und so sein 
„müssend“ auszugeben, ja, was die Hauptsache ist, zu 
behaupten, daß sie sein Da- und So-sein-Müssen“„ ver¬ 
stehen. Und dieses angeblich verstandene Müssen soll 
gar durch unmittelbare auf das Wirkliche im Ansich- 
Sinne gehende Intuition erfaßt werden. 
Nichts könnte man einwenden, täten sie bescheiden 
hypothetisch sagen: es scheint uns einen Plan der Welt 
zu geben, und wenn es ihn gäbe, so „müßte“ es wohl 
diese „Stufen des Organischen“ und endlich den Men¬ 
schen geben. Solche Erwägungen, bewußt hypothe¬ 
tisch, stellte ich selbst an — sogar mit metaphysischer 
Tönung. Und ich halte sie, im Gegensatz zu den Wienern, 
für durchaus „philosophisch“. 
Aber eine „Intuition“, die mehr wäre als die Fähigkeit, 
positivistische Ordnungsformen zu erfassen, meist recht 
vorläufig und wenig endgültig, schreibe ich mir darum 
auf geine Weise zu. — 
Ich beschließe meine kritischen Darlegungen mit der 
Erwähnung eines Gedankens, den ich schon an vielen 
Stellen, bald kürzer, bald breiter, ausgeführt habe, der 
aber gerade in unserer Zeit, da viele für das Irrationale 
schwärmen1) und sich immer freuen, wenn sie etwas 
nicht verstehen, gar nicht oft genug ausgesprochen wer¬ 
den kann: 
„Irrational“ braucht nie „kontrarational“ zu be¬ 
deuten! Mit anderen Worten: Wenn wir lehren, daß in 
allem empirisch Erfaßten unverstandenes Gegebenes 
*) Es sind das gleichsam die Gegenpole zu den angeblich alles als so sein 
„müssend“ verstehenden neuesten Phrenomenologen. Es gilt, zwischen 
Szylla und Charybdis hindurch den sicheren Weg rational-positivistischer 
Intuition zu finden. 
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