Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

24 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
gewissen Artikeln im Besonderen keine Kenntnis haben, sie 
doch im Allgemeinen, wenn sie sprechen: Ich glaube an die 
universelle Kirche‘ (25). Bossuet behandelt hier mit großer 
Vorsicht eine Frage, die, wenn man sie allzusehr ergründen 
will, zu lauter schwierigen Problemen Anlaß geben kann. 
Spätere Theologen sind weniger vorsichtig gewesen und haben 
bestimmte Regeln aufstellen wollen, um den Unterschied 
festlegen zu können zwischen dem, was der Gläubige weiß, 
und dem, woran er glaubt, ohne davon zu wissen. Indem sie 
fides implicita und fides explicita voneinander unter- 
schieden, suchten sie genauer zu bestimmen, was zu der einen 
und was zu der anderen Art des Glaubens gehört. Wir führen 
hier einige Stellen aus Bergiers Dictionnaire theologique 
an, um zu zeigen, zu welchen Ergebnissen sie dabei gelangt sind. 
„Man nennt fides implicita den Glauben an die Folge- 
rungen, die sich aus einem Glaubensartikel ergeben, wiewohl 
man sie nicht deutlich erkennt; so glaubt ein Katholik, der 
daran glaubt, daß Jesus Christus Gott und Mensch ist, in 
impliziter Weise, daß Jesus zwei Naturen und zwei Willen 
hat, weil diese zweite Wahrheit in der ersten mit einbeschlossen 
ist‘. Das klingt zunächst ziemlich harmlos und scheint auf eine 
Art logischer Regel hinauszulaufen, die auf Deduktionen der 
verschiedensten Art anwendbar wäre. Doch hören wir weiter! 
„Der einfache Gläubige, der an die unfehlbare Autorität der 
Kirche glaubt und der bereit ist, an alle die Wahrheiten zu 
glauben, die sie ihn lehrt, glaubt implicite alle diese Wahr- 
heiten; er wird sie explicite glauben, sobald er sie deutlich 
erkennt und sie ausdrücklich bekennt‘ (26). Dies erscheint 
viel wichtiger und weit folgenschwerer. Wenn es in der Tat 
genügen würde, an die Unfehlbarkeit der Kirche zu glauben 
und sich dem zu unterwerfen, was sie lehrt, um implicite alle 
Wahrheiten zu glauben, die sie bekennt: könnte es dann schließ- 
lich nicht dazu kommen, daß der Gläubige überhaupt nur eine 
einzige Lehre der katholischen Kirche kennt, eben diejenige, 
die besagt, daß die katholische Kirche unfehlbar ist? Und 
würde er sich nicht damit begnügen, ohne im mindesten zu 
bezweifeln, daß er dabei ein vollkommener Christ ist? 
Um diese Gefahr abzuwenden, betonen die Theologen, 
„daß der implicite und allgemeine Glaube für einen Christen 
nicht genügt‘, daß „es Wahrheiten gibt, die er verpflichtet
	        
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