Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

20 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
die katholische Geistlichkeit ausübt, alle Wahrheit zu lehren, 
sie zu erhalten und sie zu definieren.‘ Eine Gemeinschaft, 
die zahllose Miglieder hat und über die ganze Erde verbreitet 
ist, legt davon Zeugnis ab; ein Irrtum ist dabei ausgeschlossen. 
„Tous ces acles recueillis, atteste&s, et employ&s tous les Jours par 
une societe qui ne meurt point, forment un depöt aussi public et 
aussi indefectible que la societ&€ meme‘‘ (22). 
Was der Abbe Pluche hier anführt, ist kennzeichnend 
für die politisch-soziale Struktur des Lebens im Ancien Regime 
und zugleich enthält es Motive, die dann erst später, im 
XIX. Jahrhundert, wiederaufgenommen und weiter ausgeführt 
worden sind. Der französische Bürger des XVIII. Jahrhunderts 
wird allerdings immer weniger geneigt sein, das geschichtliche 
Recht der vorhandenen Institutionen einfach anzuerkennen; 
er wird gerade seine Aufgabe darin sehen, das traditionell 
Gewordene durch etwas Neues zu ersetzen. Insofern könnte 
man annehmen, daß die Argumentationsweise des Abb6 Pluche_ 
der Kirche eher schädlich als nützlich sein mußte. Das hindert 
aber nicht, daß die Prinzipien, die der Abbe Pluche in seinem 
Werke entwickelt hat, uns gerade Aufschluß geben können 
über die Verschiedenheit der Einstellung des gebildeten Laien 
einerseits, des einfachen Gläubigen anderseits gegenüber der 
Kirche. 
Die Kirche ist eine soziale Wirklichkeit, so könnte man 
etwa die Ausführungen des Abbe Pluche zusammenfassen. 
Es hat keinen Zweck, die Frage so zu stellen, als müßten wir 
erst zu beweisen suchen, daß sie nun wirklich dazu berechtigt 
ist, die ihr zugeteilten Funktionen auszuüben. Tatsächlich 
stellt sich auch diese Frage für den naiv Gläubigen gar nicht. 
Die Kirche ist für ihn Wirklichkeit; sie ist für ihn etwas konkret 
Gegebenes, das sich ihm als solches aufdrängt, ohne daß er 
darin irgendwelchen Anlaß finden könnte, überhaupt Fragen 
zu stellen. Es sind „die gleichen Feste‘ (23), die sich immer 
wiederholen; es besteht kein Zweifel daran, daß es immer so 
war und immer so sein wird. Es sind „die gleichen Altäre, 
die gleichen Kultusgegenstände, die gleiche Liturgie‘ (24); es 
ist dieselbe Geistlichkeit. Alles dies stellt sich für den schlichten 
Gläubigen als etwas Einheitliches dar, als ein sinnvolles Ganzes, 
das er als etwas Unveränderliches, stets Vorhandenes betrachtet. 
Das eben gibt dem naiv Gläubigen in der katholischen Kirche
	        
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