Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

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Tod, Gott und Sünde 
der Sünde mit dem sittlichen Wertungsweisen des Bürgers 
vergleichen. Wohl haben die Anschauungen, die die neuen 
Theologen entwickelt hatten, viel dazu beigetragen, die Be- 
deutung des christlich-katholischen Sündenpessimismus ab- 
zuschwächen und so den katholischen Glauben dem sich 
bildenden bürgerlichen Lebensgefühl anzupassen. Aber der 
Begriff der Sünde bleibt dabei doch bestehen und wird auch 
weiterhin, welches auch die Wandlungen sein mögen, die er 
durchmacht, solange er überhaupt noch einen religiösen Cha- 
rakter bewahrt, von Motiven der alten Lehre bestimmt. Ebenso 
können auch die Vertreter der katholischen Welt- und Lebens- 
anschauung nicht darauf verzichten, ihr asketisches Lebens- 
ideal weiterhin zur Geltung zu bringen. Sie können nicht ein- 
fach den Heiligen verleugnen und es an der Vorstellung des 
ehrlichen und rechtschaffenen Familienvaters, der es zu An- 
sehen und Wohlstand bringt, bewenden lassen. Wohl räumen 
sie dem Bürger manche Rechte ein. Sie lassen es bis zu einem 
gewissen Grade zu, daß er seinen Beschäftigungen nachgehe 
und sich dabei durch rein weltliche Rücksichten leiten lasse. 
Aber sie können nicht zu einer vorbehaltlosen Anerkennung 
des neuen bürgerlichen Lebenstypus gelangen. 
Vor allem aber vermag die Kirche hier nicht selbst 
schöpferisch einzugreifen und neue Lebensformen zu schaffen, 
wie sie durch die sich wandelnden sozialen und wirtschaft- 
lichen Lebensbedingungen erforderlich geworden waren. Ihre 
Vertreter haben zwar manche Schwierigkeiten hinweggeräumt, 
die den gebildeten Laien in der katholischen Lehre ab- 
schrecken mußten; aber sie verstehen es nicht, die Werte zu 
schaffen, die dem Bürger gestatten konnten, sich selbst zu be- 
jahen und seinen eigenen Zielen nachzugehen. Hierzu konnte es 
eben nicht einfach genügen, gewisse Dogmen zu mildern oder ganz 
in Vergessenheit geraten zu lassen; hier handelte es sich viel- 
mehr um eine schöpferische Leistung, um die Möglichkeit einer 
Deutung und Formung des bürgerlichen Lebens auf Grund 
der katholischen Welt- und Lebensanschauung. Vermag dıe 
Kirche von sich aus für das neu bürgerliche Lebensideal eine 
religiöse Grundlage zu schaffen? So etwa mußte sich die Frage 
stellen. Vermag sie einen katholischen Bürgertypus zu bilden, 
einen katholischen Menschen zu formen, für den der Glaube 
nicht nur eine höchstens mehr oder weniger annehmbare meta-
	        
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