Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

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Toa, Gott und Sünde 
sündlosen Menschen anzuerkennen. Aber ohne Sünde: kein 
Christ. - So sucht man dann beides irgendwie miteinander in 
Einklang zu bringen, den Sünder und den an sich sündlosen 
Menschen, wie anderseits den Heiligen und den rechtschaffenen 
Bürger. Dem Sünder wird auch weiterhin Askese anempfohlen; 
dem sündlosen Menschen hingegen, d. h. dem Menschen, der 
eben an sich nichts Sündhaftes mehr hat, werden Anweisungen 
zum glücklichen Leben gegeben. Schließlich sucht man dann, 
da beides sich nicht wohl vereinigen ließ, irgendeine Personal- 
union zwischen Christ und Mensch zu stiften und, damit die 
Eintracht zwischen beiden nicht gestört werde, jedem seine 
besondere Sphäre zuzuweisen. Der Christ wird sich von dieser 
Welt lossagen; der Mensch wird ein weltliches Leben nach 
moralischen Grundsätzen führen. 
So können die legitimen Vertreter der katholischen Welt- 
und Lebensanschauung im französischen XVIII. Jahrhundert 
weder dem Sünder noch dem Menschen genüge tun. Die Jan- 
senisten werfen ihnen vor, daß sie den Christen verleugnen, die 
aufgeklärten Laien, daß sie dem Menschen nicht Gerechtigkeit 
widerfahren lassen und für die wirtschaftlichen und sozialen 
Forderungen der Neuzeit nicht genügend Verständnis zeigen. 
Auf der einen Seite: Pascal, auf der anderen: die Aufklärungs- 
philosophen. In den Lettres Provinciales wird den Jesuiten 
nachgewiesen, daß sie die christlichen Gebote nicht ernst nehmen. 
Aus den Schriften der Philosophen müssen die offiziell an- 
erkannten Theologen der katholischen Kirche ersehen, daß alle 
Zugeständnisse, die sie dem neuen Menschen machen wollten, 
doch diesen nicht zufrieden stellen konnten. Die Jansenisten 
einerseits und die Philosophen andererseits vertreten einen 
konsequenten Standpunkt. Der alte und der neue Mensch 
stehen sich hier einander gegenüber: Sündenpessimismus gegen 
modernen Optimismus, negative Einstellung dieser Welt gegen- 
über im Gegensatz zu der Bejahung des diesseitigen Lebens, 
Selbstvertrauen gegen Gnade. 
Nun ist es ja klar, daß der Bürger nicht mehr zu den 
Jansenisten zurückkehren konnte, wollte er nicht alle seine 
Errungenschaften aufgeben. Was hindert ihn aber daran, sich 
den offiziellen Vertretern der Kirche anzunähern? Gerade 
diese Mittelstellung, die die Kirche einnahm, so unbefriedigend 
sie auch vom rein religiösen Gesichtspunkt aus erscheinen mußte,
	        
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