Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

Die Idee der Sünde 
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um dem Menschen vor Augen geführt, daß dieses irdische Da- 
sein mit Gotteshilfe sich ganz wohl ertragen ließe, und daß 
der Mensch schon hienieden auf Erden sein Glück finden 
könne. „Ist der Mensch dazu geboren um unglücklich zu sein: 
soll er seine Tage in Trauer und Bitterkeit verbringen, und 
sollte das Leben nur ein verhängnisvolles Geschenk der Vor- 
sehung sein?“ „Ecartons loin de nous une pensege aussi injurieuse 
da la bonte divine‘* (101), heißt es in einem Sendschreiben des 
Klerus aus dem Jahre 1770. Man gewinnt häufig aus den 
Predigten und noch mehr aus den Schriften der Apologeten 
der christlichen Religion den Eindruck, daß. hier zwei wider- 
streitende Motive zum Ausdruck gelangen, die man vergebens 
miteinander in Einklang zu bringen sucht, sowie man sich 
nicht mehr an die Worte hält, sondern auf das Grunderlebnis 
selbst zurückgeht. Das eine dieser Motive entspringt der Vor- 
stellung des in sich sündhaften Menschen, der um Gnade und 
Vergebung fleht, das andere der Anschauung des in sich ge- 
rechtfertigten Menschen, der seine Rechtsansprüche der Welt 
und dem Leben gegenüber geltend macht. 
Das ist einer der Gründe der Schwäche der moralischen 
Position des Katholizismus im achtzehnten Jahrhundert. 
Weder der alte noch der neue Mensch gelangt in ihm zu vor- 
behaltloser Anerkennung. Der Mensch, wie er in ihm zur 
Darstellung gelangt und in dem Bewußtsein der Gläubigen 
weiter lebt, ist ein merkwürdiges Doppelwesen: ein Nach- 
komme Adams und zugleich ein Kind dieser Welt, ohne daß 
sich dabei ein Ausgleich finden ließe oder sich irgendwie ein 
neuer, lebenskräftiger Menschentypus innerhalb der religiösen 
Vorstellungswelt gebildet hätte. Es bleibt nur dieses merk- 
würdige Zwitterwesen: eine Art weltlicher Christ, wenn man 
sich so ausdrücken kann. Der Mensch, wie ihn die Kirche auch 
weiterhin auffaßt, soll noch Sünden begehen, obwohl er kein 
Sünder mehr ist. Ist er kein Sünder mehr, so wäre es ja eigentlich 
ganz folgerichtig, wenn man ihn einfach als ein von Natur 
aus so oder so bestimmtes Wesen gelten ließe und ihn anleiten 
würde, seine Bestimmung hienieden zu erfüllen. Das könnte 
aber dazu führen, daß er dann schließlich überhaupt aufhören 
würde, ein katholischer Christ zu sein. Zwar läßt es sich nicht 
leugnen, daß die Vorstellung des Sünders immer mehr schwindet, 
und alles scheint darauf hinzudrängen. den seinem Wesen nach
	        
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